Neben gewöhnlichem Benzin und Diesel bieten Tankstellen in der Regel auch höherpreisige Kraftstoffe an. Solche als Premiumprodukt vermarkteten Benzin- und Dieselsorten sollen bei der Verbrennung deutliche Vorteile bieten. Bei Messungen bleibt davon jedoch nicht viel übrig.

„Reinigungsmoleküle und Reibungsminderer“, versprechen die einen, „bessere Pflege und mehr Leistung“ die anderen. Die Rede ist von sogenannten Premiumkraftstoffen, die alle großen Tankstellenketten anbieten. Die bewerben eine Reihe positiver Eigenschaften, insbesondere mehr Leistung, weniger Verbrauch und längere Motorlebensdauer. Dafür sind Premiumkraftstoffe stets erheblich teurer als gewöhnliches Benzin bzw. herkömmlicher Diesel.

Höhere Oktanzahl für normale Autos wenig sinnvoll

Ausschlaggebend für die höhere Qualität der Premiumkraftstoffe sollen bei Benzin zwei Faktoren sein: höhere Klopffestigkeit und bessere Additive. Klopfen bezeichnet einen Vorgang, bei dem sich ein Kraftstoffgemisch unkontrolliert im Motor selbst entzündet – und dabei unregelmäßige, klopfende Geräusche erzeugt. Je höher Oktanzahl eines Benzins, desto geringer seine Neigung zu solcher Selbstentzündung. In der Regel ist eine hohe Oktanzahl von 100 oder 102 allerdings nicht von Wert für Motoren, die auf 98 Oktan oder weniger eingestellt sind. Und das ist bei Serienautos praktisch immer der Fall.

Additive sollen Kraftstoffe aufwerten

Als zweiten Vorteil nennen die Hersteller besondere Additive. Die sollen Ablagerungen reduzieren und für eine verringerte Reibung zwischen Kolben und Zylindern sorgen. Letzteres bewirkt laut Werbung der einen niedrigeren Verbrauch und höhere Leistung.

Die Ablagerungen am Motor kann man im laufenden Betrieb nicht messen. Leistung und Verbrauch schon, und das hat der ADAC getan. Geprüft hat der Automobilclub als Benzin das V-Power 100 im Vergleich zu Super Plus mit 98 Oktan von Shell. Als Diesel prüfte der ADAC die Premiumsorten von Aral und Shell gegenüber den jeweiligen Standardkraftstoffen.

Leistungszuwachs bei Super nicht messbar

Bei den Benzinmotoren verglich der Automobilclub bei vier Automodellen die Leistung laut Prüfstandmessung, die Elastizität im gleichen Gang und die Beschleunigung beim simulierten Überholen mit Gangwechsel. Ergebnis: Die unterschiedlichen Kraftstoffe unterschieden sich um höchstens zwei Prozent. Das liegt im Bereich der Messstreuung. Bezeichnenderweise waren mit Premiumkraftstoff sieben von zwölf Messergebnissen besser, fünf aber schlechter als mit 98-oktanigem Super. Das ist eine fast zufällige Verteilung.

Schon signifikanter waren die Ergebnisse beim Test der Dieselkraftstoffe. Um diese zu bewerten, hatte der ADAC mit einem Ford Galaxy 1.9 TDI und einem Opel Zafira 2.0 DTi 4.000 Kilometer lange Messfahrten durchgeführt. Mehr Leistung erreichten die Motoren im Bereich von 1,6 bis 4,5 Prozent, gleichzeitig reduzierte sich der Verbrauch um 1,0 bis 5,6 Prozent. Dabei zeigte der Shell V-Power Diesel durchweg die besseren Werte. Bei den Emissionen schwankten die Ergebnisse so stark, dass der ADAC auf eine Bewertung verzichtete.

Immerhin war zumindest beim Shell V-Power eine Verbesserung gegenüber dem einfachen Dieselkraftstoff nachweisbar. Ob die den Aufpreis an der Zapfsäule wert ist, kann letztlich jeder Autofahrer selbst entscheiden. Denn im Gegensatz zum Normalbenzin wird Normaldiesel weiterhin angeboten.

Premiumbenzin für den Rennsport gedacht

So vage der Nutzen des Premiumsprits für Normalfahrer ist, eine Zielgruppe ist klar umrissen: Rennfahrer – und jene, die sich dafür halten. So sind Produktnamen wie „V-Power Racing“ nicht nur Werbesprüche. Gerade Shell ist Hoflieferant mehrerer namhafter Rennteams. Die enorme Bedeutung von Benzin für Rennmotoren verdeutlicht das Beispiel des derzeitigen Regelwerks der Formel 1 recht gut. Darin wird der Verbrauch der Rennwagen auf 100 Kilogramm Kraftstoff pro Stunde begrenzt.

Was das bedeutet, erklärte Bruce Crawley, Entwicklungschef des Benzinherstellers Mobil, in einem Interview: „Deshalb müssen wir so viel Energie wie möglich in diese 100 Kilogramm Kraftstoff packen. Wir müssen das Benzin in einem Motor fahren, bei dem die Klopfgrenze das Limit darstellt.“

Eine Spezialmischung darf Bruce Crawley dennoch nicht für die Formel 1 entwickeln. Denn laut Reglement der Rennorganisation FIA dürfen Rennteams nur mit solchen Kraftstoffen fahren, die es an normalen Tankstellen zu kaufen gibt. Das sind mehr oder weniger die sogenannten Premiumkraftstoffe. Die eigentliche Zielgruppe für V-Power, Ultimate und andere Premiumsorten sind demnach Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Kollegen. Wenn Otto Normalfahrer seinem Golf damit etwas Gutes tun und dafür tiefer in den Geldbeutel greifen möchte, ist das den Benzinherstellern sicher recht.  © 1&1 Mail & Media / CF