Jeep hat auf dem Autosalon 2022 in Paris den Vorhang gelüftet und den Avenger vorgestellt. Das Modell wird unterhalb des bisher kompaktesten Jeep Renegade positioniert. Er startete seine Karriere als rein elektrisch angetriebener SUV und damit gleichzeitig als erster Elektro-Jeep überhaupt. Gleichzeitig stellte die Marke auf der Messe mit einem Concept Car eine künftige Allradantrieb-Variante vor – ein Novum in diesem E-Segment.

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Bei unserem ersten Vor-Ort-Termin in Polen wird die neue eCMP2-Plattform als Basis für den Avenger genannt, die der kleine Jeep als erstes Modell des Konzerns erhalten soll. Warum ausgerechnet Polen? Im Stellantis-Werk in Tychy, südlich von Katowice, läuft der Jeep Avenger künftig vom Band. Das Werk blickt auf eine lange Tradition zurück, produzierte seit 1975 unter anderem den "Polski Fiat" 500 und in der Neuzeit in erster Linie den aktuellen Fiat 500. Erst 2021 feierte man mit insgesamt 12,5 Millionen produzierten Fahrzeugen seit Werksgründung den modernen Fiat 500 als meistgebautes Auto dieser Fabrik.

Für den neuen Jeep Avenger, den das Werk Tychy exklusiv für den europäischen Markt produziert, wurde eine komplette Produktionslinie neu ertüchtigt, die sich aktuell im Hochlauf befindet. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich die Plattform, die wir in der Vorserienproduktion zu Gesicht bekommen, sowohl optisch als auch technisch sehr stark von der aktuell bei Stellantis zum Beispiel für den Mokka-E oder den Peugeot E-2008 verwendeten eCMP1-Variante.

Die neue Elektrobasis für den Jeep Avenger setzt auf 400-Volt-Technik und gegenüber den bekannten elektrischen Konzernbrüdern aus diesem Segment sowohl auf neue Akkus als auch auf einen neuen E-Motor. Der leistet 115 kW/156 PS und liefert ein maximales Drehmoment von 260 Nm ab. Das verspricht recht muntere Fahrleistungen, denn der neue Avenger wird nicht übermäßig schwer: Rund 1.500 Kilogramm Leergewicht waren als erste Hausnummer zu erfahren; 340 davon entfallen auf die Batterie. Die Klimatisierung über Wärmepumpentechnik ist serienmäßig, das zahlt deutlich auf die Reichweite ein.

400 Kilometer Reichweite

Der Akku besteht aus 17 Modulen und wird unter den Vorder- und Rücksitzen verstaut, beeinträchtigt so weder den Fußraum vor den Sitzen noch den Laderaum. Mit 54 kWh Kapazität (51 kWh nutzbar) soll eine WLTP-Reichweite von 400 Kilometern möglich sein, im reinen Stadtbetrieb sind es bis zu 550 Kilometer. Aufgeladen wird am Schnelllader mit maximal 100 kW, die 20-80-Prozent-Ladung soll in 24 Minuten abgehakt sein. An Wechselstrom-Wallboxen lädt der Wagen mit elf kW.

"Der neue Avenger wird die Fähigkeiten der Marke Jeep in einem für den europäischen Markt passenden Format bieten", sagte Antonella Bruno, Leiterin von Jeep in Europa bei Stellantis. "Dieser moderne, spaßige und emotionale SUV wird eine wachsende Zahl von Kunden ansprechen, die bei der Marke Jeep nach einer fähigen, kompakten, modernen und rein elektrischen Alternative zu den aktuellen Anbietern suchen."

Avenger auch als Benziner

Der "spaßige und emotionale SUV" fährt aber nicht nur als Stromer durch das Leben. Für ausgewählte Märkte, darunter auch Deutschland, kommt der kleinste aktuelle Jeep auch mit einem 1,2-Liter-Turbobenziner. Der hört auf den Namen PureTech und stammt aus dem Portfolio des Stellantis-Konzerns. Der Dreizylinder leistet im Avenger 100 PS und 205 Nm und ist ausschließlich mit Vorderradantrieb in Kombination mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe zu haben.

Der Jeep Avenger orientiert sich beim Design eher am Jeep Compass als am knuffigen Renegade. Also: Keine runden Lichter, sondern nahezu rechteckige Leuchteinheiten mit zwei obenliegenden Tagfahrlicht-Streifen und darunter angeordneten, leicht zurückgesetzten Scheinwerfern. Nochmals eine Etage tiefer finden sich runde Nebelscheinwerfer in der Schürze.

Design im Stil des Jeep Compass

Der unvermeidliche "Seven-Slot-Grill", ohne den kein Jeep sein darf, wird mit sieben aufgesetzten Elementen zwischen den Scheinwerfern stilisiert. Ein interessantes Detail: Weil der Mini-Jeep vor allem im städtischen Umfeld verortet wird, hat er solide Rempelleisten rundum erhalten, die auch die Fahrzeugseiten vor fiesen Bodychecks mit Einkaufswagen und daneben geparkten Autos bewahren sollen.

Ebenfalls eher vom Compass inspiriert zeigt sich die Heckansicht mit markantem Dachkantenspoiler. Auffällig ist die sehr ausgeprägte D-Säule und die nach hinten ansteigende untere Fensterlinie. Die Griffe für die hinteren Türen sind in der oberen Verkleidung untergebracht.

Probesitzen im neuen Jeep Avenger

Beim Erstkontakt mit dem neuen elektrischen Mini-Jeep fällt auf, dass er eigentlich gar nicht so "mini" ist. Auf 4,08 Meter Länge streckt sich der erste Jeep mit Elektroantrieb. Das sind immerhin 22 Zentimeter mehr Außenlänge als beim ersten Jeep Wrangler, der auch noch zur Hälfte aus Motorhaube bestand. Den Radstand verrät Jeep aktuell noch nicht, doch in der Seitenansicht ist gut zu erkennen, dass die Entwickler die Räder sehr weit außen angeordnet haben. Das bringt nicht nur kurze Überhänge und damit bessere Offroad-Fähigkeiten, sondern auch mehr Sitzraum für die Passagiere.

Durchaus gemütlich nimmt man auf den Vordersitzen Platz, die im Vorserienauto noch sehr weich gepolstert sind. Ob sich diese Kuschelsessel auch im späteren Serien-Avenger finden, müssen wir abwarten. Etwas hemdsärmelig wirkt teilweise die Materialwahl mit viel offen sicht- und fühlbarem hartem Kunststoff, der wenig Premium-Gefühl aufkommen lässt. Zur optischen Auflockerung zieht sich ein lackiertes Mittelelement vom Lenkrad bis zur Beifahrertür, das sich von einer umrandenden Ambiente-Beleuchtung in Szene setzen lässt.

Passt auch für vier Erwachsene

Auf den Rücksitzen merkt man, dass sich der neue Avenger in der Kleinwagen-Kategorie einsortiert. Die Beinfreiheit ist nicht übermäßig, geht aber für dieses Segment absolut in Ordnung. Völlig ausreichend auch die Luftigkeit über dem Kopf sowohl im Sitzen als auch beim Ein- und Aussteigen. Den Laderaum bezeichnet Jeep zwar als führend im Segment und lässt auf den Pressebildern auch ein Fahrrad darin verschwinden, echte Wunder sollte man sich im Heckabteil aber nicht erwarten. 380 Liter Volumen bei aufrechten Sitzen, aber mit 1.000 Millimeter Breite und 720 mm Höhe recht praktisch gelayoutet.

Stauraumwunder soll es dagegen für die Frontpassagiere geben. 34 Liter haben die Jeep-Leute hier errechnet und schieben nach, dass es bei Wettbewerbern gerade einmal 15 Liter Stauvolumen in den Ablagen und Fächern rund um die Vordersitze seien. Verantwortlich dafür ist neben einem durchgehenden Ablagefach im Armaturen-Board, in dem man Kleinkram klimperfreudig unterbringen kann, vor allem eine wirklich üppige Ablageschüssel in der Mittelkonsole (siehe Bildergalerie), an deren Stelle beim Verbrennermodell der Schalthebel sitzt. Für deren Abdeckung hat man sich eine magnetische Faltmatte ausgedacht, die ein wenig an Apples iPad-Hüllen erinnert. Auf jeden Fall interessant, über die Dauerhaltbarkeit unterhalten wir uns dann in ein bis zwei Jahren.

Das Multimedia-Display in der Armaturenmitte ist immer mit 10,25 Zoll Diagonale unterwegs und serienmäßig. Ebenso serienmäßig ist die kabellose Smartphone-Einbindung über Android Auto und Apple Carplay. Die generelle Bedienung dürfte mit vielen spezifischen Schaltern besser von der Hand gehen als bei den modischen Touch&Slide-Wettbewerbern, aber das klären wir dann beim ersten Fahrtermin mit dem Serienauto.

Besser im Gelände als der Renegade

Die kurzen Überhänge sorgen für recht ordentliche Böschungswinkel (vorn 20, hinten 32 Grad), die Bodenfreiheit (20 Millimeter) und der Rampenwinkel (20 Grad) gehen für diese Fahrzeugkategorie in Ordnung. Das kann man auch in der City nützlich finden, wenn beim Querparken die Schürze nicht am hohen Bordstein frisiert wird. Außerdem gibt Jeep dem Avenger das Selec-Terrain-System als Serien-Outfit mit auf den Weg, das unterschiedliche Fahrprogramme etwa für Schnee, Schlamm und Sand bietet. Über die praktische Relevanz solcher Offroad-Programme in einem Frontantriebs-SUV könnte man diskutieren, aber haben ist bekanntlich besser als brauchen.

Dafür kündigt Jeep allerdings bereits eine tatsächlich für leichte Geländeausflüge taugliche Version an, denn der Avenger wird als erstes Stellantis-Modell auf dieser E-Plattform auch einen Allradantrieb bekommen. Der zusätzliche E-Motor für die Hinterachse wird voraussichtlich ab 2024 als Upgrade verfügbar sein. Nicht nur im Stellantis-Unviversum sondern generell wird ein elektrischer Allrad in diesem Segment ein echtes Alleinstellungsmerkmal sein.

Jeep Avenger 4x4 Concept Car

Zu den technischen Daten des Allrad-Modells, welcher Antrieb für die Hinterachse integriert wird und welche Systemleistung aus den dann zwei E-Motoren im Avenger resultiert, herrscht bei Jeep Schweigen – kein Kommentar. Wie der Allradler aussehen könnte, nachdem er einem Tuner über den Weg gelaufen ist, zeigt Jeep in Paris allerdings mit einem Concept Car. Das namenlose Konzept ist mit einer leichten Höherlegung versehen, durch die größere Offroadreifen aufgezogen werden konnten. Die exakte Bodenfreiheit ("größer als 200 Millimeter") wird nicht verraten, vorne wächst der Böschungswinkel auf 21 und hinten auf 34 Grad.

Ein auch für den Serieneinsatz denkbares Gepäcksystem zeigt das 4x4 Concept Car auf dem Dach. Hier ist eine Kratzschutzfolie aufgeklebt; Ladung soll dann einfach mit Gurten an vier Zurrpunkten auf dem Dach fixiert werden. Eine weitere matte Folie, die als Blendschutz dienen soll, ist in der Mitte der Fronthaube angebracht. Die Schürzen vorne und hinten sind gegenüber dem Serienmodell modifiziert und für den Abenteuer-Look mit jeweils zwei blauen Abschleppösen ergänzt.

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Verkaufsstart und Preis des Jeep Avenger

Zur offiziellen Publikumspremiere auf dem Pariser Autosalon 2022 eröffnete Jeep eine Bestellmöglichkeit für ein "1st Edition"-Modell mit Vollausstattung, bestellbar war die Premieren-Version des Avenger zu Preisen ab 39.900 Euro. Seit dem 11. Januar 2023 ist in Deutschland der Konfigurator für die Serienmodelle freigeschaltet. Der Preis des Avenger Basismodells liegt bei 37.000 Euro. Darüber rangieren die Ausstattungslinien Longtitude (38.500 Euro), Altitude (40.500 Euro) und das Topmodell Summit (43.500 Euro). Ab Juli 2023 ergänzt der 1.2 GSE-Turbobenziner das Angebot. Zu haben ist der Verbrenner ab 27.000 Euro ausschließlich in der Ausstattungsvariante Altitude.  © auto motor und sport

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