Eine Rallye zu Ehren eines erfolgreichen Rennfahrers und Verlegers, als Geschenk zu dessen 100. Geburtstag – was für eine großartige Idee! Jetzt fand bereits die zehnte Ausgabe der Paul Pietsch Classic statt, die 120 Teams zwei Tage lang auf den Spuren des Namensgebers durch dessen kurven-reiche Heimat führte: den Schwarzwald.

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Video: Im Video: Paul Pietsch Classic - Tag 1

Es ist still im Saal, als Patricia Scholten, Tochter von Paul Pietsch, während der Siegerehrung mit leisen Worten an ihren 2012 verstorbenen Vater erinnert. "Ich habe es noch ganz genau vor Augen, wie er im Ziel der ersten nach ihm benannten Paul Pietsch Classic im Jahr 2011 zusammen mit mir und meinem Bruder in einem Bentley voller Stolz eine Ehrenrunde drehte, und das im Alter von 100 Jahren." Sie habe es daher heute bei der inzwischen zehnten Ausgabe dieser Rallye ganz besonders genossen, zwei Tage lang auf den Spuren des Vaters durch dessen geliebte badische Heimat zu fahren.

Eine Rallye zu Ehren des aus Freiburg stammenden Rennfahrers und Verlegers Paul Pietsch – dieser Gedanke scheint auch vielen anderen großen Gefallen zu bereiten, man spürt es bereits am Tag zuvor bei der Aufstellung der 120 Teams zum Start der ersten Etappe in Offenburg. Der Platz vor der Reithalle, er gleicht in diesem Moment einem großen Open-Air-Klassikmuseum. "Ich freu mich wirklich wahnsinnig, dass es nun endlich wieder losgeht und ich hier so viele bekannte Gesichter treffe", bringt es Mario Ketterer, Rennsportlegende und – wie der alte Pietsch – ebenfalls aus dem Freiburger Raum stammend, auf den Punkt. Sein Auto: ein VW Käfer mit einem auf 100 PS leistungsgesteigerten Motor. Das älteste Auto im Feld, ein Rolls-Royce 20 hp, stammt hingegen bereits aus dem Jahr 1929, während das jüngste, ein BMW Z3, Baujahr 2000 ist – ein Spagat, der neun Jahrzehnte Automobilgeschichte umfasst.

Start im Minutentakt

Während die einen bei ihren Rallye-Klassikern noch einmal einen Schluck Öl nachfüllen und andere das Roadbook studieren, eröffnet ein silberfarbener Veritas RS aus dem Jahr 1947 um Punkt 8.30 Uhr diese Jubiläumsausgabe der Paul Pietsch Classic. "Mit diesem Modell wurde unser Vater 1950 Deutscher Sportwagenmeister", erklärt Peter-Paul Pietsch, der heute am Steuer dieses Rennwagens mit der Startnummer 1 sitzt, während Schwester Patricia neben ihm das Roadbook in ihren Händen hält. Der Rest des Feldes folgt nach Baujahren geordnet im Minutentakt, um sich nur drei Kilometer später bei der ersten von heute acht Wertungsprüfungen (hinzu kommt eine noch unbekannte Zahl an geheimen Prüfungen) hoch konzentriert in den Kampf um Hundertstelsekunden zu werfen. Gestattet sind dabei – wie übrigens bei allen Rallyes der Motor Presse Stuttgart – ausschließlich mechanische Zeitmesser, im Rallye-Jargon "Sanduhrklasse" genannt.

Video: Im Video: Paul Pietsch Classic - Tag 2

Zwischen den einzelnen Wertungsprüfungen, die durchaus anspruchsvoll gestaltet sind und auf der hauseigenen Teststrecke der Firma Mosolf sogar mit zwei Steilkurven aufwarten, geht es erwartungsgemäß kaum weniger leidenschaftlich zur Sache, selbst wenn das Auto nur über wenig PS verfügt. Bescheidene 21 sind es beispielsweise beim Amilcar C3 Sport, Baujahr 1930, gesteuert vom schwäbischen Schauspieler, Musiker und Comedian Michael Gaedt, der aus Platzgründen allein in seinem soeben eigenhändig restaurierten Klassiker sitzt: "Ich habe natürlich immer alles gegeben", lacht der Mann, "aber was soll ich machen? Ich hab halt bergauf zu wenig Leistung und bergab zu wenig Bremsen."

Die nachfolgenden Piloten nehmen das dann auch eher beschauliche Tempo des kleinen französischen Sportwagens aus dem Jahr 1930 natürlich nicht übel, so etwa die Fahrer des gelb-schwarzen Opel-Trios, ein Commodore B GS/E Coupé, gefahren von Jörg Mannsperger, Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart, und Opel-Classic-Leiter Leif Rohwedder, gefolgt von einem GT und einem Kadett GT/E. "Die Strecken waren für unsere Autos wie maßgeschneidert, vor allem dieser herrlich kurvige Texas-Pass im Kaiserstuhl", so Rohwedder. Freudig überrascht zeigen sich die dort besonders zahlreichen Zuschauer dann allerdings auch darüber, dass sich selbst ein über sechs Meter langer Cadillac Fleetwood 60 Special ähnlich flott durch die engen Kurven zirkeln lässt wie ein vergleichsweise winziger Renault 5 Turbo 2.

Auf Michael Schumachers Spuren

Enge Kurven sind natürlich auch an Tag zwei ein großes Thema. Zum Beispiel auf der 850 Meter langen Kartbahn von Urloffen, dem sogenannten Ortenauring. Die Aufgabe dort: 280 Meter in möglichst exakt 36 Sekunden, von denen die ersten 80 Meter jedoch in genau 12 Sekunden zurückgelegt werden müssen. Und direkt im Anschluss sind es dann noch einmal 200 Meter in 24 Sekunden. Jetzt muss man sich entscheiden: entweder nach Zeit fahren, weil man sich ja in einem Wettbewerb befindet – oder es wie Mario Ketterer in seinem VW Käfer halten: "Ich hab einfach eine schnelle Runde gedreht, herrlich!" Vermutlich wird der Mann, der am Schauinsland noch immer den Bergrekord hält, dabei an Michael Schumacher gedacht haben: Der spätere Formel-1-Star fuhr 1983 hier mit 30,94 Sekunden einen Bahnrekord.

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Der Nachmittag, er gehört endgültig dem Schwarzwald. Der Blick fällt in tiefe Täler, auf bunt verzierte Bauernhäuser, auf herrliche Kurvenstraßen. Die Passage von Lautenbach über Allerheiligen und weiter bis nach Oppenau – sie bietet alles, was die Teilnehmer von dieser Rallye erwartet haben. Inzwischen kennt man sich, weiß, wer vor einem im Feld fährt und wer möglicherweise von hinten aufrückt. Und wie so oft sind es die vielen kleinen Abenteuer und Manöver entlang der Strecke, die in ihrer Summe für glänzende Augen bei den Teams sorgen. "Ich hatte mir vorab einfach nicht vorstellen können, dass man mit einem Vorkriegsklassiker so viel Fahrspaß haben kann", gesteht Susen Utesch, die als Copilotin zusammen mit Barbara Richter in einem Riley 4 1/4 Liter Special Two Seater Sport aus dem Jahr 1937 unterwegs ist.

Hinauf aufs Moosenmättle

Natürlich darf bei einer Rallye durch den Schwarzwald ein Abstecher auf die Mutter aller deutschen Ferienstraßen nicht fehlen – die Schwarzwaldhochstraße. Wobei, diesmal handelt es sich nur um einen Kurzbesuch, zwei Wertungsprüfungen später ist der Tross schon wieder auf deutlich kurvigeres Terrain abgebogen, es geht nach Süden, via Kniebis und Bad Rippoldsau nach Kinzigtal und von dort hoch aufs Moosenmättle. Wie bitte, Sie haben diesen Namen noch nie gehört? Dann geht es Ihnen wie den meisten im Starterfeld, von denen diese schmale Bergpassage prompt zum schönsten Teilstück der Rallye erklärt wird. "Ein Schmankerl mussten wir uns ja noch bis zum Ende aufheben", freut sich dann auch Rallye-Chef Harald Koepke.

Als Gesamtsieger stehen nach 468 Rallye-Kilometern und insgesamt 19 Wertungsprüfungen schließlich Markus Hendel und Christoph Herbrig aus Dresden fest, deren Auto: ein BMW 850 Ci, Baujahr 1995. Mit diesem Erfolg lösen sie die dreimaligen Seriensieger Norbert Griesmayr und Ferdinand Baumgartner ab, die bei dieser Jubiläumsausgabe der Paul Pietsch Classic auf dem zweiten Platz landen.

Dass es am Ende der Siegerehrung ein weiteres Mal mucksmäuschenstill im Saal wird, liegt schließlich an den Schlussworten von Peter-Paul Pietsch. Es sei ein ganz besonderes Gefühl gewesen, in diesem Veritas zu fahren. "Weil ich am Steuer dieses Rennwagens die Straßen und die Landschaft in den letzten beiden Tagen genau aus dem Blickwinkel sehen und erleben konnte wie damals mein Vater."

Gesamtwertung 10. Paul Pietsch Classic

  1. Markus Hendel / Christoph Herbrig BMW 850 Ci, 1995
  2. Norbert Griesmayr / Ferdinand Baumgartner Mercedes-Benz 220 S, 1959
  3. Nicolaus Hirsch / Andrea Hirsch Austin-Healey 100/4, 1955

Klassenwertung

Klasse 1 – bis Baujahr 1945: 1. Kay Fischer / Carsten Schmidt-Kippig Bentley 4 1/4 Liter Roadster, 1937

Klasse 2 – Baujahr 1946 bis 1965: 1. Norbert Griesmayr / Ferdinand Baumgartner Mercedes-Benz 220 S, 1959

Klasse 3 – Baujahr 1966 bis 1981: 1. Benjamin Gentsch / Andreas Bickel Shelby GT 350, 1966

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Klasse 4 – Baujahr 1982 bis 1993: 1. Christian Köppen / Gabriele Köppen Volkswagen Golf GTI, 1983

Klasse 5 – Baujahr 1994 bis 2003: 1. Markus Hendel / Christoph Herbrig BMW 850 Ci, 1995

Paul Pietsch Classic 19.–20. Mai 2023, Streckenlänge 468 km, alle Ergebnisse unter event.motorpresse.de © auto motor und sport

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