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09.12.2012, 21:34 Uhr

Salz könnte Heiztechnik revolutionieren

in Kooperation mitDIE WELT

Ist das weiße Gold vielleicht sogar das neue Heizöl? Bestimmte Salze lassen sich als verlustfreie Speicher nutzen. Heizungs-Prototypen soll es bald geben.

VonKlaus Jopp

Bestimmte Salze setzen bei Wasserzufuhr Wärme frei und geben bei Wärmezufuhr Wasser ab – das macht sie zu verlustfreien Speichern mit Energieeinspareffekt. Bald gibt es ersten Heizungs-Prototypen.

Eis am Nordpol

Studie: Der Meeresspiegel ist bereits um elf Millimeter gestiegen. >

Routiniert füllt Thomas Schmidt einige Gramm eines weißen Salzes in einen Glaskolben. In den kleinen Haufen platziert er ein Laborthermometer und füllt behutsam einige Milliliter Wasser auf. Kaum gerät das Wasser mit dem Salz in Berührung, beginnt die Quecksilbersäule rasant zu steigen.

Während im Labor eine normale Raumtemperatur von 22 Grad Celsius herrscht, klettert die Säule innerhalb von nur zehn Sekunden immer weiter – bis auf über 100 Grad Celsius. Beim Lösen des Salzes entstehen Ionen, die sich mit einer Hülle aus Wassermolekülen umgeben. Chemiker sprechen von Hydratation.

Bei bestimmten Salzen wird dabei Wärme in erheblicher Menge frei. "Dieser simple Vorgang ist der Schlüssel zu einem effektiven Wärmespeicher – denn wir können durch Zuführung von Wärme die Reaktion wieder umdrehen", erklärt Schmidt.

Der Chemiker ist Koordinator des Projektes "Thermische Batterie" der Leuphana Universität Lüneburg, die in diesem europäischen Vorhaben eng mit dem französischen Nationalforschungsinstitut CNRS (Centre national de la recherche scientifique) und der Universität Lyon zusammenarbeitet.

Energiewende ist auf Wärmespeicherung angewiesen

Das Grundprinzip der thermischen Batterie ist die bedarfsgerechte Speicherung und Freisetzung von Wärme. Als Speichermedium dienen dabei anorganische Salze: Sie geben bei Wärmezufuhr Wasser ab und setzen bei Wasserzufuhr Wärme frei.

Die physikalische Trennung von Wasser und Salz ermöglicht eine nahezu verlustfreie Speicherung von Wärme über Stunden, Tage oder sogar Jahre. Fehlende Speicher sind immer noch die Achillesferse der Energiewende.

Da Sonne und Wind nicht durchgehend verfügbar sind, müssten sie für eine Überbrückung sorgen. Wärme ist eine bedeutende, in der Öffentlichkeit oft unterschätzte Energieform.

Dabei hat sie mit einem Anteil von etwa 66 Prozent des Nutzenergiebedarfs eine herausragende Bedeutung in Deutschland und anderen Ländern in der gemäßigten Klimazone.

Flexibilität und Unabhängigkeit sind wichtig

Gebraucht wird sie insbesondere für die Raumheizung, Warmwasserbereitstellung und Prozesswärme. Doppelt so viel fällt allerdings als nicht genutzte Abwärme an, wie sie beispielsweise bei der Stromerzeugung entsteht. Ließe sich Wärme speichern und transportieren, wäre ein bedeutender Energieeinspareffekt möglich.

"Eine Lösung hierfür bieten kompakte Wärmespeicher, die Wärme flexibel und unabhängig verfügbar machen", sagt Wolfgang Ruck. Er ist Leiter des Instituts für Umweltchemie in Lüneburg und arbeitet mit seinem Team an der Entwicklung eines kompakten Wärmespeichers, der speziell bei sogenannten Mikro-Blockheizkraftwerken (BHKW) zum Einsatz kommen soll.

Diese kleinen dezentralen Kraftwerke, die am Markt bereits verfügbar sind, können Ein- und Mehrfamilienhäuser mit Wärme versorgen. Der Speicher ermöglicht eine Stromproduktion, die vom Wärmebedarf weitgehend entkoppelt ist.

Hohe Kapazitäten und sehr preisgünstig

Thermochemische Speicher bieten hohe Kapazitäten und sind dabei sehr preisgünstig. "Wir erreichen zwar nicht die Energiedichte von Kohlenwasserstoffen wie Benzin, sind aber um den Faktor zehn besser als Warmwasserspeicher und doppelt so gut wie Lithium-Ionen-Batterien", so Ruck.

Das Ziel, das die Lüneburger erreichen wollen, ist ein Speicher für 80 Kilowattstunden in einem Volumen von einem Kubikmeter – das entspricht nicht einmal dem Raum, den man für zwei Waschmaschinen braucht.

Um das zu erreichen, hat die Arbeitsgruppe von Wolfgang Ruck über 50 verschiedene Salze und Salzmischungen charakterisiert. Die Zielsetzungen sind anspruchsvoll, aber realisierbar: Gefragt sind kostengünstige, gut verfügbare Ausgangsmaterialien, eine hohe Zyklenstabilität und eine gute Kinetik der Wärmespeicherung und -freisetzung.

Partner für die Verbreitung wird Vattenfall

"Die besten Ergebnisse liefert bislang Magnesiumchlorid-Hexahydrat", sagt Thomas Schmidt. Für die tägliche Arbeit verfügt das Forscherteam über einen Versuchsreaktor und verschiedene Geräte. "Wir messen gleichzeitig die Masseänderung und Temperaturdifferenz zwischen einem Referenz- und dem Probentiegel, um die Wärmeleistung der Salze zu ermitteln", erklärt Fachmann Ruck.

Bereits im nächsten Jahr wollen die Lüneburger einen ersten Prototyp vorstellen. Als Partner für eine weitere Verbreitung der thermochemischen Speicher ist bereits Vattenfall Europe mit im Boot.

Das Unternehmen ist der größte Wärmeversorger in Westeuropa und bringt mit diesem Hintergrund viel Wissen über den Umgang mit Wärme mit. "Wir müssen Erzeugung und Verbrauch von Strom und Wärme voneinander entkoppeln", sagt Thomas Jänicke-Klingenberg, Geschäftsführer der Vattenfall Europe New Energy Services GmbH in Hamburg.

Virtuelle Kraftwerke koordinieren alles

Dazu sind die Speicher ein wichtiger Baustein. Eine Vielzahl der damit ausgerüsteten Mikro-BHKW lassen sich in einem virtuellen Kraftwerk zentral zusammenschließen. Auf diese Weise können die vielen Einheiten, die für sich genommen zu klein sind, am Markt dennoch gemeinsam agieren.

Vattenfall hat mit einem virtuellen Kraftwerk, das in Berlin und Hamburg 40 Anlagen mit knapp 14 Megawatt Leistung steuert, bereits Erfahrungen gesammelt. Auch wenn die erste Priorität in Lüneburg bei kleinen, kompakten Speichern liegt, lässt sich das Prinzip durchaus auch auf große Einheiten übertragen.

"Auch über Großspeicher denken wir intensiv nach", bestätigt Wolfgang Ruck. Die Energiewende kann davon nur profitieren – Speicher, ob groß oder klein, werden dringend benötigt.

© DIE WELT

Alle News vom: 9. Dezember 2012 Zur Übersicht: Wissen

138 Meinungen zu "Ist Salz das neue Heizöl?"

  • Oberserver
    Montag, 25.02.2013, 12:09 Uhr
    " in einem Volumen von einem Kubikmeter – das entspricht nicht einmal dem Raum, den man für zwei Waschmaschinen braucht." Wer hat in Europa so riesige Waschmaschinen? Die normale Haushaltswaschmaschine hat ca 0,3m³ oder sogar weniger. Industriewaschmaschinen können nicht gemeint sein. Die sind alleine gerne schon grösser als 1m³ Kann es sein, dass man "unbesehen" ein "Amerikanisches Modell" zum Vergleich hergenommen hat? Das ist aber nicht automatisch auf einen ins deutsche übertragenen Artikel anwendbar.
  • Fine
    Sonntag, 23.12.2012, 16:38 Uhr
    @Liezzy stimmt, es geht nicht um kochsalz. das hatte ich gelesen und wieder vergessen bis man hier posten konnte. trotzdem klingt es nach neuer umweltbelastung. @maho danke! das war's was ich wissen wollte :)
  • Liezzy
    Dienstag, 18.12.2012, 17:15 Uhr
    >>und Tagsüber kühle ich in dem ich die Feuchtigkeit über thermische Einwirkung entziehe.<< Tagsüber muss man Energie reinstecken, um das Salz wieder zu entfeuchten. Bei Dir klingt das ganze supertoll... nachts heizen, tags kühlen. Aber soooo einfach funktionert das nicht! Mal abgsehen davon sprach maho von nicht von den Betriebskosten sondern den Herstellungs- und Entsorgungskosten. Beim Salzabbau kenne ich mich nicht aus und kann demzufolge nicht beurteilen, ob das stimmt, was maho sagt. Wäre aber logisch nachzuvollziehen. Das Ganze rentiert sich vermutlich nur dann, wenn man das Salz oberflächig abbauen kann. Aber auch dabei werden vermutlich diverse Umweltsünden betrieben, so dass sich Kosten und Nutzen wieder gegenüber stehen. Dieselbe Milchmädchenrechnung, wie maho sie aufzeigte, wird im Übrigen bei den Photovoltaikanlagen gemacht. Keine dieser Anlagen bringt auch nur entfernt die Energie ein, die zu ihrer Herstellung aufgewandt wurde. Kommt dazu, dass man einen Haufen Chemikalien benötigt, die auch wieder kompliziert entsorgt werden müssen.
  • Struppiii
    Dienstag, 18.12.2012, 15:58 Uhr
    Der Einwand ist richtig, jetzt kommt das aber! Der hier beschriebene Prozess ist ein reversibler Prozess der Umkehrbar ist ohne das Salz zu verbrauchen. Nehmen wir als fiktives Beispiel eine Wüste mit starker Temperaturdifferenz, Nachts sehr kalt, Tags sehr heiß. Nachts befeuchte ich das Salz und es wird Wärme frei und Tagsüber kühle ich in dem ich die Feuchtigkeit über thermische Einwirkung entziehe.
  • maho76
    Dienstag, 18.12.2012, 14:58 Uhr
    nett mal wieder was davon zu hören, aber...fossile brennstoffe damit abzulösen ist umwelttechnisch quatsch. der tiefenabbau von kristallsalzen ist eines der schlimmsten dinge die man der umwelt antun kann, dagegen ist braunkohleabbau noch harmlos, da hier noch mehr schwermetalle und treibhausgase ausgeschwemmt werden als so schon. auch die verarbeitung ist so unverhältnismässig energie- und rohstoffaufwendig dass man gegenüber kohle & co wieder ins energieminus gerät, und nur darum geht es. am ende wird es aber wahrscheinlich genauso laufen wie bei hybridbatterien & co. den verbrauchern wird gesagt dass sie weniger verbrauchen und die einsparung wird dann mit umweltschutz gleichgesetzt, obwohl das gegenteil der fall ist, wenn man (=politik, industrie und allgemeine wahrnehmung) nicht immer herstellung und entsorgung aus der rechnung rausnehmen würde. traurig, dass heutzutage gebrauchskosteneinsparung mit umweltschutz gleichgestellt wird... aber was tut man nicht alles fürs wirtschaftswachstum.^^
  • Struppiii
    Dienstag, 18.12.2012, 11:33 Uhr
    Die Überschrift ist natürlich etwas aufgepumpt, den es ist Unwahrscheinlich das irgendetwas, was nicht auf der Verbrennen fossiler Brennstoffe aufbaut Heizöl oder ähnliches ersetzt. Aber wenn man jede dieser Technologien als einen Baustein betrachte sehen die Chancen fossile Brennstoffe abzulösen schon besser aus. Es sollte das Ziel sein irgendwann Weltweit auf eine nachhaltige Energieversorgung umzusteigen, egal ob thermisch oder elektrisch und jede Stufe auf der Treppe bringt einen weiter zum Ziel.
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