Der "Boss" in Berlin: Große Gesten und viel Gefühl
Kurz vor Konzertende lag Bruce Springsteen auf dem Bühnenboden wie ein Boxer nach dem Knockout. Sein alter Kumpel Steve "Little Steven" Van Zandt träufelte ihm grinsend Wasser ins Gesicht. Bis der "Boss" erneut hochschnellte und zusammen mit seiner E Street Band über 50.000 Fans noch einmal "die Hosen herunterrockte" (so sein Running Gag beim Berliner Auftritt).
Erst nach drei Stunden war Schluss im Olympiastadion, wo am Mittwochabend auch Hertha-Anhänger endlich mal wieder was zu feiern hatten. Mit dem Soul-Kracher "Tenth Avenue Freeze-Out" und einer angenehm kitschfreien Würdigung des kürzlich gestorbenen Saxofonisten Clarence Clemons endete ein denkwürdiger Abend. Wieder einmal war es Springsteen gelungen, die großen Gesten des Rock'n'Roll, sein authentisches Engagement für "die kleinen Leute" und ehrliche Gefühle für seine Fans in einem herausragenden Stadionkonzert zu bündeln.
Besondere Zuneigung zur deutschen Hauptstadt hatte der stimmlich und körperlich topfit wirkende 62-jährige Amerikaner gleich zu Beginn geäußert, als er Berlin einen Song widmete: "Die Mauer ist offen", sang Springsteen mit seiner unnachahmlichen, beseelten Raspelstimme. "Die Soldaten und Wachleute sind weg", hier fühle er sich jetzt "als freier Mann".
Springsteen wird daran gedacht haben, dass er 1988 ein Konzert in Ost-Berlin vor 160.000 Menschen gegeben hatte - und wie viel sich seitdem verändert hat. Das Publikum im Olympiastadion hatte er mit dieser Hommage sofort auf seiner Seite.
Nur in Erinnerungen zu schwelgen ist aber nicht die Sache Springsteens, der von Verehrern "The Boss" genannt und vorzugsweise mit langgezogenen "Bruuuce"-Rufen gefeiert wird. Der wirtschaftliche Niedergang und der Werteverfall in seiner Heimat - und nicht nur dort - treiben den Mann derart um, dass er jüngst eine wütend-polemische Platte dazu veröffentlichte. Aus dem Album "Wrecking Ball" stammten gleich sieben der rund 30 Lieder des Berliner Auftritts.
Und Springsteen ließ ordentlich Dampf ab bei seinen teilweise auf Deutsch gehaltenen Ansagen - gierige Bänker und Spekulanten bekamen auch live ihr Fett weg. Die Ballade "Jack Of All Trades" widmete er den Opfern der Krise. Das schon etwas ältere "My City Of Ruins" verwandelte er mit der auf knapp 20 Musiker zur Bigband erweiterten E Street Band in eine zehnminütige Gospelmesse. Zwischendurch ging Springsteen immer wieder auf Publikumswünsche ein - auch weniger bekannte Lieder wie "Save My Love" oder "Johnny 99" (als Dixieland-Stampfer) waren unverhofft zu hören.
Und die Klassiker? Es sind zu viele, um sie alle an einem Abend zu spielen, aber ein Dutzend Songs für die Ewigkeit kam doch zusammen. "Badlands", "Spirit In The Night", "The River" und "Thunder Road" wurden eingestreut, ehe die Gassenhauer-Dichte immer größer wurde. "Born In The USA" in einer kraftvoll herausgeröhrten Version, das Jugend-Drama "Born To Run", die Rummelplatzmelodie von "Glory Days" - die äußerst zuschauerfreundlich an der Längsseite aufgestellte Riesenbühne bebte, und das Olympiastadion bebte mit.
Dass Springsteen eine Security-Dame zum Tänzchen einlud, ein gar nicht mal allzu verschüchtertes Kind auf der Bühne mitsingen ließ, die Fans herzte und knuffte und überhaupt immer wieder Kontakt zum Publikum suchte - alles nicht neu, aber immer wieder schön. Es gibt vermutlich keinen anderen Rock-Entertainer, der seinen Job so ernst nimmt und zugleich eine so intime Konzert-Atmosphäre schaffen kann wie dieser x-fache Plattenmillionär aus New Jersey.
Großväter, Söhne, Töchter und Enkel hatten am Ende des Berliner Konzerts gleichermaßen das Gefühl, der "Boss" habe nur für sie gesungen. "Wir werden wiederkommen", versprach Bruce Springsteen. Hoffentlich.
11 Meinungen zu "Der Boss, Berlin und die Banker"
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DavidBowie
Mittwoch, 15.08.2012, 15:34 Uhr @Szaadek | 10 Beiträge In meinen Augen ist Springsteen schrecklich überbewertet. ========================= Auf gar keinen Fall! Ein genialer Musiker, der aus und mit Leidenschaft musiziert! Er verbreitet eine Power ... wow ... und begeistert sein Publikum ... großartig! -
professor1975
Sonntag, 03.06.2012, 15:05 Uhr Es ist wie bei guten Weinen - er wird mit dem Alter immer besser. Einfach klasse! -
mapla500
Samstag, 02.06.2012, 10:39 Uhr ICH WAR DABEI !! ES WAR DER TOTALE HAMMER !!! UND WER BEI SPRINGSTEEN VON EINER --KRÄCHTSSTIMME-- SPRICHT ,HAT NICHT NICHT ALLE TASSEN IM SCHRANK !!!!!!!!!! -
Hesperia
Freitag, 01.06.2012, 16:11 Uhr Nicht umsonst füllt dieser Mann Stadien bis auf den letzten Platz. Ein ehrlicher Worker eben, der dieses ganze Bamborium drum herum nicht nötig hat und den Fans vermittelt, dass er wirklich Spaß an seiner Musik hat. Es war wieder ein tolles Konzert und ich hoffe, dass Bruce bald wieder nach Berlin kommt. Die Waldbühne wäre allerdings wünschenswerter als das Olympia-Stadion. Mich haben die eingespielten Bilder des verstorbenen Clarence Clemons sehr berührt, eine respektvolle Geste. -
schieber1
Freitag, 01.06.2012, 10:48 Uhr Schade, ich hatte keine Zeit. Vielleicht wiederholen sie ein solches Konzert ja nochmal. -
sieheoben
Freitag, 01.06.2012, 07:43 Uhr Es war einfach nur toll ! Beim nächsten mal bin ich wieder dabei ! -
Szaadek
Donnerstag, 31.05.2012, 17:50 Uhr In meinen Augen ist Springsteen schrecklich überbewertet.
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