Himmelreich
Nur die Versetzung nach New York kann die Ehe des erfolgreichen Geschäftsmannes Phillip Himmelreich noch retten. Doch als er im Flugzeug sitzt, scheint ihm der Gedanke seiner impulsiven Geliebten, sich einfach ihr entführen zu lassen und zu verschwinden, seltsam verführerisch. Ein Gedankenspiel mit unerwarteten Folgen ...
Phillip Himmelreich kann mit Büchern nichts anfangen und den Ulysses hält er für vollkommen unverdaulich. Dennoch verliebt er sich auf einer Party ausgerechnet in eine Buchhändlerin. Obwohl er verheiratet ist, beginnt er eine leidenschaftliche Affäre mit der schönen Josephine. Doch der nagende Zweifel bleibt – hat diese Liebe eine Zukunft? Will er überhaupt, dass sie eine Zukunft hat?
Als Himmelreich eine Versetzung nach New York angeboten bekommt, sagt er zu. Erst im Flieger fängt er an, darüber nachzudenken, ob er nicht doch auf Josephines Vorschlag hätte eingehen sollen. Er solle sich von ihr zum Schein entführen lassen und einfach aussteigen. Diesen Gedanken verfolgt er jetzt und malt sich eine abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen Flucht und Palmen aus. Doch irgendwann kommt er an seinem neuen Wirkungsfeld an. Oder doch nicht?
Rolf Dobellis etwas anderer Liebesroman Himmelreich spielt mit gekonnt auf der Klaviatur des Schein und Sein. Immer wieder wird der Leser aus seinen Erwartungen gerissen, immer wieder muss er sich auf neue Schauplätze, neue Realitäten einstellen. Scheint es im einen Augenblick noch Tatsache, dass Himmelreich aus dem Flugzeug gestiegen ist, um seiner Geliebten zu folgen, steht im nächsten Augenblick seine Frau vor seiner Tür in New York, um einen Neuanfang mit ihrem Mann zu wagen.
Die Geister der Leser werden sich wohl an dem Punkt scheiden, an dem das Spiel mit der Illusion auf eine surreale Spitze getrieben wird. Wer einen eher realitätsnahen Geschmack hat, wird wohl eher den Kopf schütteln, während andere begrüßen werden, welche Macht der Autor der Phantasie des Einzelnen zuspricht. Auch die Sprache ist nicht unbedingt für den traditionellen Leser geeignet. Zwar gelingt es Dobelli immer wieder, unglaublich treffende poetische Bilder zu erschaffen, doch manchem mag seine stakkato-artige Sprache mit den kurzen Sätzen auf die Dauer überladen und anstrengend erscheinen.
Fazit: Ein Volltreffer für alle Leser, die niveauvolle Unterhaltung mit experimentellen Anklängen schätzen
Rolf Dobelli Himmelreich Diogenes 383 Seiten, EUR 19,90 ISBN 3-257-06537-X
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