"Aufbrüche und Umbrüche"
Diesmal jedoch sei es leicht gewesen, diesen "roten Faden" zu benennen: "Das Thema ist eindeutig. Es spiegelt das wider, was in der Welt geschieht: Es geht um Aufbrüche und Umbrüche." Der Eröffnungsfilm passt da, wenngleich in einer anderen Zeit angesiedelt, bestens ins Bild: Benoït Jacquots "Les adieux à la Reine" wird zum Auftakt am Donnerstag, 9. Februar, im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz der Öffentlichkeit vorgestellt. Léa Seydoux und Diane Kruger spielen die Hauptrollen in dem Historien-Drama, das in den letzten Stunden vor der französischen Revolution spielt. Der Arabische Frühling wird vor allem in der Sektion "Panorama" thematisiert. Drei Filme kommen aus Ägypten, einer gar aus dem Jemen.
Knapp 400 Filme sind es diesmal insgesamt, die die Verantwortlichen für die einzelnen Sektionen ausgewählt haben. Im Wettbewerb konkurrieren 18 Beiträge um die begehrten Goldenen und Silbernen Bären, darunter auch drei aus Deutschland. Kosslick: "Allesamt Filme, die Familiengeschichten erzählen. Und Filme über Aufbrüche in neue Lebensabschnitte."
Auffällig: Alle drei Regisseure haben bereits Berlinale-Erfahrung, gehören zu den "üblichen Verdächtigen". Für neue Filmemacher scheint es nicht leicht zu sein, Einzug in die erlauchte Gilde der deutschen Wettbewerbsbeiträge zu erhalten. Oder, viel wahrscheinlicher: Viele meiden das Festival bewusst, um sich zum einen nicht dem internationalen Vergleich und der versammelten kritischen Presse zu stellen. Und zum anderen erhalten deutsche Berlinale-Filme stets einen feuilletonistischen Touch, der mit Blick auf den möglichen Erfolg an der Kasse nicht immer erwünscht ist.
Christian Petzold denkt da anders. Der Regisseur von Filmen wie "Yella" und "Wolfsburg" behält stets bei seiner Arbeit auch die Masse im Blick. "Barbara" heißt sein neuer Film (Kinostart: 8. März), in dem Petzolds Lieblingsschauspielerin Nina Hoss (es ist schon der fünfte Film der beiden) eine Ärztin aus der DDR spielt, die einen Ausreiseantrag stellt, dann aber einem außergewöhnlich freundlichen Mann begegnet.
"Was bleibt" ist der Titel des Dramas von Hans-Christian Schmid ("Lichter, "Sturm"), in dessen Mittelpunkt eine Familie steht, die mit den Depressionen der Mutter zurechtkommen muss. Corinna Harfouch und Lars Eidinger spielen die Hauptrollen. Stets polarisierend in seiner Karriere war der Regisseur Matthias Glaser, dessen Vergewaltigungsdrama "Der freie Wille" vor einigen Jahren bei der Berlinale für Dikussionen sorgte. Damals wie heute spielt Jürgen Vogel die Hauptrolle in seinem Film. "Gnade" erzählt die Geschichte eines deutschen Paares, das nach Norwegen ausgewandert ist und sich dort eingelebt hat. Doch dann wird die Frau (Birgit Minichmayr) in einen Unfall verwickelt. Nicht im Wettbewerb, aber bei der Berlinale als Weltpremiere zu sehen, ist Doris Dörries neuer Film "Glück".
Weniger als früher geht der Blick diesmal gen Hollywood, auch wenn Steven Soderberghs "Haywire" in einer Sondervorführung zu sehen ist. Dem Wettbewerb stellt sich nur Billy Bob Thornton, der mit "Jayne Mansfield's Car" seine vierte Regiearbeit vorstellt, die zudem eine Koproduktion mit der Russischen Föderation ist. An der notwendigen Portion Glamour sollte es dennoch nicht fehlen. Ganz oben auf der Gästeliste: Meryl Streep. Für "The Hours" erhielt sie vor zehn Jahren den Silbernen Bären als beste Schauspielerin. Nun wird sie mit einem Ehrenbären ausgezeichnet. Ihr neuer Film "Die Eiserne Lady", in dem sie die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher spielt, läuft ebenso in Berlin.
Ein großer Auftritt steht mit dem Besuch von Hollywoodstar Angelina Jolie bevor. Sie stellt ihr Regiedebüt vor: "In The Land Of Blood And Honey" spielt vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Jugoslawien. Ein Ausnahmezustand am Potsdamer Platz kündigt sich ebenso an, wenn Teenie-Star Robert Pattinson eintrifft. Sein Film "Bel Ami" (mit Uma Thurman) startet in Deutschland am 26.04. in den Kinos. In Berlin läuft die Romanverfilmung im Wettbewerb außer Konkurrenz. Weiter auf der Gästeliste: Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan, Isabelle Huppert, Uma Thurman und eventuell auch Sandra Bullock. Sie spielt die Hauptrolle in Stephen Daldrys Oscar-Kandidaten "Extrem laut und unglaublich nah", der ebenfalls außer Konkurrenz läuft und die Geschichte des Terroranschlags vom 11. September 2001 aus der Sicht eines elfjährigen autistischen Jungen erzählt.
Wer aufmerksam durch die Straßen rund um den Potsdamer Platz geht, könnte zudem einem Mitglied der prominenten Jury begegnen, die in diesem Jahr über die Preisträger entscheidet. Unter dem Vorsitz von Regisseur Mike Leigh verschaffen sich unter anderem Jake Gyllenhaal, Charlotte Gainsbourg und Barbara Sukowa einen Überblick über die Wettbewerbsbeiträge.
Zu den Favoriten sollte Kim Nguyens Film "Rebelle" zählen, der den Weg eines jungen Mädchens hin zur Kindersoldatin in Afrika beschreibt. Auch Wang Quan'ans Mammutwerk "Bai lu yuan" (188 Minuten Spielzeit), der Verfilmung des gleichnamigen Historienromans von Chen Zhongshi, werden gute Chancen eingeräumt. Mit deutscher Beteiligung entstand "Captive" mit Isabelle Huppert, der das Schicksal von zwölf Touristen erzählt, die in die Hände der muslimischen Abu-Sayyaf-Gruppe fallen.
Die Auszeichnungen werden am Samstag, 18. Februar, ab 19 Uhr, im Berlinale Palast vergeben. 3sat überträgt die Preisverleihung live, ebenso die Eröffnung am 9. Februar, ab 19.30 Uhr.
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