Spiel der Woche: "Ni No Kuni: Der Fluch der weißen Königin"
Das Studio Ghibli gilt als japanisches Gegenstück zu Disney: Die animierten Trickfilme ("Prinzessin Mononoke", "Chihiros Reise ins Zauberland") von Altmeister Hayao Miyazaki und seinem Team bieten saubere Familienhandlungen auf höchstem handwerklichen Niveau. Doch während sich Disney immer stärker vom klassischen Zeichentrick ab- und der Computeranimation zugewandt hat, setzt man digitale Effekte bei Ghibli extrem zurückhaltend ein. Auch dem Kosmos der Computerspiele stand Studioboss Miyazaki bisher skeptisch gegenüber, weil er dessen erzählerische Beugung durch die Interaktivität nicht gerade schätzt.
Mit "Ni No Kuni" feiert die preisgekrönte Trickfilmschmiede nun ihren Einstand im Games-Universum: Die Rollenspielexperten von Level 5 ("Dragon Quest", "Professor Layton") stricken das Spiel, Studio Ghibli lieferten Rahmenhandlung, Charakter-Design und klassisch gepinselte Filmsequenzen für das Abenteuer.
Das erzählt die Geschichte des 13-jährigen Oliver, der in einer Umgebung aufwächst, die dem frühen Industrie- und Automobil-Zeitalter entspricht. Als Olivers Mutter während der ersten Spielstunde an einem Herzinfarkt verstirbt, ist der Teenager am Boden zerstört. Doch es naht Hilfe aus einer anderen Welt: Olivers Stoffpuppe "Tröpfchen" erwacht zum Leben und stellt sich als Feenkönig aus einem fantastischen Paralleluniversum vor, in dem zu jedem Wesen aus Olivers Welt ein Gegenstück existiert. Die Mission: nach "Ni No Kuni" reisen, um seine Mutter ins Leben zurückzubringen.
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Ganz nebenbei wollen die beiden auch noch einen fiesen Djinn erschlagen und den "Fluch der Weißen Königin" brechen, der immer mehr Bewohner des fantastischen Königreichs in unmotivierte, willenlose Schlaffis verwandelt. Zum Glück ist Oliver der geborene Magier: Kaum hat der Dreikäsehoch Zauberstab- und -buch in der Hand, hext er auch schon drauf los: In den nicht allzu hektischen Echtzeit-Kämpfen wirft er mit Frost- und Feuerzaubern um sich, heilt mit ein bisschen Hexerei seine Blessuren und schickt putzige Begleiter-Tierchen ins Gefecht. Diese "Vertrauten" schlagen härter und gekonnter zu als ihr Chef, sind aber gleichzeitig mit dessen Lebensessenz verbunden: Jeder Treffer, den die Verbündeten kassieren, zehrt auch an Olivers Konstitution. Der Trick: für jede Situation das passende Hosentaschen-Monsterchen parat haben, es im richtigen Moment einsetzen - und immer fleißig mit leistungssteigernden Süßigkeiten füttern.
Doch das wichtigste Zauberkunststück im Grimmoire des Teenie-Hexenmeisters ist das Kitten "gebrochener Herzen": Den verfluchten Bewohnern der Spielwelt fehlt jeweils eine Charaktereigenschaft. Darum borgen sich Oliver und Sidekick "Tröpfchen" das fehlende Attribut bei jemandem, der es im Überfluss besitzt. Anschließend wird es in ein Fläschlein gefüllt und dem Bedürftigen verabreicht.
Abseits der tierischen Begleiter und des Akkord-Kittens von "gebrochenen Herzen" gibt sich "Ni No Kuni" bodenständig: Level 5 setzt die von Studio Ghibli einfühlsam erzählte Geschichte mit einem routinierten Regelwerk um, das genauso gut für ein Spiel der "Dragon Quest"-Reihe hätte herhalten können. Doch das Altbewährte macht Sinn: Auf diese Weise ist das hier und da etwas zu aufdringlich erklärte Spielsystem auch für ein jüngeres Publikum zugänglich, außerdem lenkt man so nicht von der Inszenierung ab, die das Kernstück des Abenteuers darstellt.
Wunderschön ausgearbeitete 3D-Comic-Charaktere mit stilvollen Cel-Shading-Konturen, vor digitalem Leben überquellende Märchen-Metropolen und filigran gepinselte Zeichentrick-Texturen wähnen den Spieler in einem begehbaren Animationsfilm. Der ist so detailverliebt, dass er sogar bei den gezeichneten Wasserspiegelungen authentisch den Stil der Ghibli-Künstler zitiert.
Passend dazu gibt's einen mal epischen, mal verspielten Soundtrack von Joe Hisaishi, der bereits für Ghibli-Filme wie "Mein Nachbar Totoro", "Porco Rosso", "Das Schloss im Himmel" und "Nausicaä" den Taktstock geschwungen hat.
Kurzum: Wer auf einen spielbaren Animationsfilm und eine emotionale Achterbahnfahrt im Miyazaki-Stil hofft, ist hier genau richtig. Wer dagegen in erster Linie ein ausgeklügeltes Rollenspiel will, wird sich vermutlich an der zuweilen übertrieben gemütlichen Gangart, den kindlichen Charakteren und dem simplen Spielprinzip stören. Denn hier geht es vor allem um Emotion, Animation und Narration. Der Rest ist Beiwerk.
Apropos Beiwerk: Sammler stellen sich statt der Standard-Version die 30 Euro teurere "Wizard's Edition" ins Regal. Die birgt neben dem Spiel und einem putzigen Plüsch-Tröpfchen Olivers gebundenes Zauber-Kompendium. Wer auf das edle Stück verzichtet, muss sich die schick illustrierten und mit verschwenderischen Ornamenten verzierten Seiten des magischen Wälzers im Spiel ansehen.
Wertung
| Grafik | sehr gut |
| Sound | sehr gut |
| Steuerung | sehr gut |
| Spielspaß | sehr gut |
| Gesamt | sehr gut |
Datenblatt
| Titel | Ni No Kuni: Der Fluch der weißen Königin |
| Genre | Rollenspiel |
| Alter | ab 12 Jahren |
| Schwierigkeit | Für Fortgeschrittene |
| Plattform | PlayStation3 (getestet) |
| System | englische oder japanische Sprachausgabe, deutsche Untertitel |
| Mehrspieler | nein |
| Entwickler | Level-5 |
| Anbieter | Namco Bandai Partners |
| Preis | ca. 60 Euro |
| EAN | 3391891965842 |
© teleschau - der mediendienst GmbH
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