Athen: Eurobefürworter mit leichtem Vorsprung
Falls die ebenfalls proeuropäischen Sozialisten eine Regierungskoalition eingehen, könnten beide Parteien über 164 der 300 Sitze verfügen. Beide Parteien wollen zwar den Reform- und Sparkurs fortsetzen, aber mit den Geldgebern über Erleichterungen reden. Das Bündnis der radikalen Linken, das den Sparpakt aufkündigen will, erzielte 26,5 Prozent der Stimmen.
In letzter Konsequenz ging es bei der Wahl am Sonntag um die Frage, ob Athen in der Eurozone bleibt oder zur Drachme zurückkehrt - mit unabsehbaren Folgen. Deshalb schauten sowohl die EU als auch die internationalen Finanzmärkte mit bangen Blick auf den Ausgang der Schicksalswahl. Die Nervosität an den Finanzmärkten ist nicht nur wegen Griechenland, sondern auch angesichts der Probleme in Spanien und Italien extrem hoch.
Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht "harte Wochen mit Unsicherheiten" für die Bürger und Finanzmärkte bevorstehen. Die Parteien in Griechenland hätten rund vier Wochen Zeit, bis die nächsten größeren Zahlungen für Griechenland aus den Hilfspaketen freigegeben oder gestoppt würden. Sollte Griechenland keine Hilfe mehr bekommen, droht ein Staatsbankrott mit anschließendem Austritt aus der Eurozone.
Der Parteichef der Konservativen, Antonis Samaras, sagte in seiner Siegesrede, das Volk habe die Politiker gewählt, die für Wachstum und Verbleib im Euroland seien. "Griechenlands Position in Europa wird nicht mehr gefährdet sein." Samaras lud alle politischen Kräfte ein, sich an einer Regierung der nationalen Rettung zu beteiligen.
Der Parteichef der Sozialisten, Evangelos Venizelos, schlug die Bildung einer möglichst breiten Regierung aus Konservativen, Sozialisten, radikalen sowie gemäßigten Linken vor. Anos Skourletis, Sprecher der Radikallinken, bezeichnete alle Diskussionen über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit mit Konservativen und Sozialisten als lächerlich. Parteichef Alexis Tsipras sagte, seine Partei wolle stärkste Oppositionskraft bleiben. Das Volk habe innerhalb von sechs Wochen zum zweiten Mal das Sparpaket verurteilt.
Die Euro-Finanzminister erwarten von einer neuen Regierung in Griechenland eine Fortführung des vereinbarten Spar- und Reformprogramms. Sparkurs und Strukturreformen seien "Griechenlands bester Weg, die gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen zu überwinden", teilte Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker am späten Sonntagabend in einer Erklärung mit.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bot dem hoch verschuldeten Euroland Aufschub bei der Umsetzung des Sparprogramms an. "Ich kann mir gut vorstellen, über Zeitachsen noch einmal zu reden", sagte Westerwelle am Sonntagabend in der ARD. "Am Weg der Reformen führt kein Weg vorbei", fügte er hinzu.
Für Finanzminister Wolfgang Schäuble CDU) hat das mit Griechenland gemeinsam erarbeitete und vereinbarte Reformprogramm nur einen Zweck: Griechenland zurück auf den Weg wirtschaftlicher Prosperität und Stabilität zu führen. "Der Weg dorthin ist weder kurz noch leicht, aber er ist unvermeidlich. Und er eröffnet dem griechischen Volk die Perspektive auf eine bessere Zukunft", ließ Schäuble am Sonntag in Berlin mitteilen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Samstag gesagt, dass Europa nur funktionieren könne, wenn sich alle Mitgliedsstaaten an Haushaltsdisziplin hielten. Mit der bisherigen Praxis "Versprochen - gebrochen - nichts passiert" müsse Schluss sein. "So geht das in Europa unter keinen Umständen weiter."
Bei der Parlamentswahl schnitt auch die faschistische Partei Goldene Morgenröte wieder gut ab. Sie erreichte 6,9 Prozent. Die rechtskonservativen Unabhängigen Griechen erhalten 7,4, und die gemäßigte demokratische Linke 6 Prozent. Die Kommunisten kommen demnach auf 4,5 Prozent. Nach dem Wunder von Warschau, wo die griechische Fußball-Nationalmannschaft mit einem Sieg über Russland überraschend ins EM-Viertelfinale eingezogen war, hatten Gegner wie Befürworter des Sparpakts auf einen Sieg gehofft. Die zweite Wahl binnen sechs Wochen war notwendig geworden, weil Gegner und Befürworter des Spar- und Reformprogramms nach der Parlamentswahl vom 6. Mai keine Mehrheit für eine Regierungsbildung finden konnten.
389 Meinungen zu "Schicksalswahl in Griechenland"
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rainman78
Montag, 18.06.2012, 14:26 Uhr @bubi99: Finger weg von Schulden!! Wer glaubt, dass die Schulden wie die Guthaben einfach weginflationiert werden, der irrt gewaltig. Im Gegenteil, die Notenbanken werden versuchen, durch heftige Zinserhöhungen die Inflation in den Grill zu bekommen; das heißt, die Zinsen für Kredite steigen drastisch an und wenn du das Geld dann nicht aufbringen kannst (z.B. wegen Jobverlust), verlierst du unter Umständen Haus und Hof. Der Staat wird in der krise keineswegs die Schulden von Privatpersonen streichen. Was bei Staaten wie Griechenland durchgeht, wird Otto Normalo natürlich nicht gestattet. -
bubbi99
Montag, 18.06.2012, 10:08 Uhr oder man macht einfach Schulden, dann muss man sich um Erspartes keine Sorgen machen. Griechenland zeigt doch wie es geht und hier ist man nach 7 Jahren auch wieder "rehabilitiert". -
rainman78
Montag, 18.06.2012, 10:04 Uhr EuroDesaster: „Also wie jetzt? Zur Bank gehen und Goldbarren kaufen und sie bei sich zuhause im Kleiderschrank einlagern?“ Damit liegst du gar nicht mal so falsch. „aber ich geh doch nicht in den supermarkt und geb der kassiererin nen goldbarren“ Am Tag X, wenn unser Finanzsystem crasht oder wir die Hyperinflation bekommen, wird man jedenfalls mit den bunten Euroscheinchen nicht mehr viel anfangen können. Wenn ich dann aber ein paar Silbermünzen aus der Tasche ziehen kann, sieht die Sache schon anders aus. Goldbarren würde ich natürlich nicht zum Bäcker mitnehmen, dazu ist Gold zu wertvoll; wäre auch zu riskant. Gold dient mir als Absicherung meiner Ersparnisse. Wenn es eine Währungsreform geben sollte, sind meine (fiktiven) Papiergeldwerte auf dem Konto wahrscheinlich um 80 oder 90 % abgewertet. Habe ich aber Gold, kann ich es ohne Verlust 1:1 gegen Geld in der neuen Währung umtauschen, weil Gold seinen inneren Wert immer behält. Sicher ist es richtig, dass Gold im Wert mitunter ordentlich schwankt, aber es verliert eben nie seinen Wert. Und wer meint, es sei überbewertet, der irrt. Im Gegenteil, es ist durch gezielte Marktmanipulation derzeit relativ günstig. Man sollte jetzt kaufen. Denn wenn die Eurokrise erst richtig eskaliert, dann werden Gold und Silber unbezahlbar sein, soviel ist mal sicher. Und das Gefühl, bei allem, was da kommen mag, wenigstens nicht alles zu verlieren, ist sehr wohltuend. -
bubbi99
Montag, 18.06.2012, 09:17 Uhr Bemerkung unter dem Foto: "Ein kleiner Junger stiehlt sich aus der Wahlkabine seines Vaters." -> müssen die schon ihre eigenen Wahlkabinen mitbringen? :-) -
Jupol
Montag, 18.06.2012, 09:10 Uhr Die Bankster, Hedgefond-Manager und ihre Erfüllungsgehilfen lassen solange wählen bis sie die Regierung haben, die sie wollten. War bei der EU-verfassung genauso. Wenn einer aufmuckt, fielt er - siehe Papandreou!!! -
MikeStoney
Montag, 18.06.2012, 09:05 Uhr @pitti + @Gerth Wie recht ihr habt! Und nun will doch die depperte SP der Schweiz den Betritt wieder aktivieren. Als die EU gegründet wurde, habe ich schon erwähnt, dass dies ein neuer "Turmbau von Babylon " wird! . . . . und so wurde es wahr ! Es ächzt im Gebälk der EU. Die Idee an sich wäre gut gewesen, doch an der Ausführung happerts echt. Jeder will profitieren und in seinen eigenen Sack schöpfen . . .schade, aber bekanntlicherweise macht Geld gierig!
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