Weniger essen, länger leben
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"Schon als Kind hatte ich Angst davor, alt zu werden", erzählt Dave Fisher, der auch Croni ist. Mit Anfang 30 las er einen Artikel über Mäuse, die mit weniger Kalorien länger lebten. Ab da reduzierte er schrittweise seine tägliche Kalorienmenge. Jetzt isst er wie David Stern nur noch 1500 Kalorien statt der für sie notwendigen 2800. "Ich hatte keine Migräne mehr und viel seltener Erkältungen", sagt Fisher. Stern bestätigt: "Man fühlt sich viel besser damit. Außerdem brauche ich keine Blutdruckmittel und Fettsenker mehr."
"Bauch verdaute ständig"
Aline Berger fing vor fünf Jahren mit Kalorienrestriktion an. Ihren wirklichen Namen möchte die junge Bibliothekarin lieber nicht preisgeben – ihre Kollegen könnten sie für merkwürdig halten. "Mein Bauch verdaute ständig, das fand ich so unangenehm. Außerdem war ich immer müde und ohne jeglichen Antrieb." Gerächt habe sich das "viele Essen" mit Migräne oder allergischen Reaktionen. Seitdem nimmt die 1,64 Meter große Frau ebenfalls nur noch 1500 Kalorien pro Tag zu sich. Sie ernährt sich mit gesunder Mischkost, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Mit einem Body-Mass-Index von knapp 19 schrammt sie an der unteren Grenze des Normalgewichts. "Ich habe viel mehr Energie, bin klarer im Kopf und zielstrebiger. Und ich spüre meine Verdauung nicht ständig." Aber werden sie, Dave Fisher und David Stern durch ihr Essverhalten auch länger leben?
"Bislang zeigte noch keine Studie, dass Kalorienrestriktion beim Menschen das Leben verlängert", sagt Michael Ristow, Inhaber des Lehrstuhls für Humanernährung an der Universität Jena. "Aber es kann zu Veränderungen im Körper führen, die möglicherweise lebensverlängernd wirken."
Weniger Kranksein
Erste Hinweise, dass ein Verzicht auf Kalorien das Leben verlängern kann, fanden Forscher von der Cornell-Universität in den 1930er Jahren. Von 106 Ratten lebten diejenigen länger, die weniger Kalorien aufnahmen. Seitdem haben etliche Studien einen lebensverlängernden Effekt der Kalorienrestriktion bei Würmern, Insekten, Fischen, Fliegen, Ratten und anderen Spezies gezeigt. Einen ganzen Schritt weiter in Richtung Mensch kamen Wissenschafter des Primaten-Forschungszentrums in Wisconsin mit einer 20-jährigen Langzeitstudie an 76 Rhesusaffen. Tiere, die mit 30 Prozent weniger Kalorien auskommen mussten als ihre normal ernährten Artgenossen, litten seltener unter Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs.
Langlebigkeitsgene aktiv
Erkenntnisse über den Menschen haben Forscher bisher vor allem durch Beobachtungsstudien gewonnen. Eine der größten kommt aus Japan: In der Verwaltungsregion Okinawa leben vier- bis fünfmal so viele Hundertjährige wie in anderen Industriestaaten. Forscher beobachteten, dass die Menschen dort 20 Prozent weniger Kalorien zu sich nahmen als im restlichen Japan. Das allein beweist aber noch nicht viel. "Die Leute dort essen zum Beispiel viel Fisch, der reich an Omega-3-Fettsäuren ist - das könnte sie vor tödlichen Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen", sagt Thomas Lüscher, Direktor der Zürcher kardiologischen Uniklinik.
Außerdem fand man bei ihnen häufiger Gene, die das Risiko für chronische Krankheiten senken. Solche "Langlebigkeitsgene" könnten auch die Sirtuine (Sirt) sein, die durch Kalorienrestriktion aktiviert werden und in Alterungsvorgänge involviert sein sollen. "Aus Versuchen mit Mäusen wissen wir, dass Sirt-1 die Entwicklung von Arteriosklerose bremst", sagt Lüscher.
Stoffwechsel im Keller
Luigi Fontana, Internist an der Washington- Universität und am Istituto Superiore di Sanità in Rom, will wissen, was im Körper bei Kalorienrestriktion vor sich geht. In einigen Beobachtungsstudien mit jeweils 20 bis 30 Mitgliedern der Cron-Gesellschaft in den USA fand er heraus: Nach durchschnittlich sechs Jahren Ernährung mit weniger als 30 Prozent der jeweils benötigten Kalorien hatten die Cron-Leute einen geringeren Blutdruck, gesündere Blutfettwerte und Blutgefäße als eine Vergleichsgruppe.Für diese Effekte gibt es mehrere Erklärungshypothesen. Eine der gängigsten ist die "Rate of living"-Theorie: "Vereinfacht kann man sagen, dass man länger lebt, weil der Körper seine Stoffwechselvorgänge herunterfährt", erklärt Ernährungswissenschaftler Ristow. "Dabei gewöhnt er sich an das verringerte Kalorienangebot." Grundumsatz und Körpertemperatur sinken, und es entstehen weniger freie Sauerstoffradikale, die Zellen und Organe schädigen und die Alterung beschleunigen. Verschiedene Untersuchungen haben diese Vermutung bestätigt.
Ein weiterer Mechanismus könnte ein Rückgang an chronischer Entzündung sein: Bei den Cronis wurden weniger Entzündungsbotenstoffe im Blut nachgewiesen. "Chronische Entzündungen schädigen langfristig die Organe", sagt Fontana. Auch der Wachstumsfaktor GH und der Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor IGF scheinen eine Rolle zu spielen - sie sollen in Alterungsprozesse und in die Entstehung von Krebs involviert sein. Durch Kalorienrestriktion sanken ihre Konzentrationen im Blut ebenfalls.
"Anti-Aging ein Traum"
Bis jetzt gibt es nur wenige randomisierte Studien, bei der sich Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip entweder kalorienreduziert oder normal ernähren. Solche Untersuchungen sind aussagekräftiger als Beobachtungsstudien, weil sie den Einfluss der Gene oder des Lebensstils weitgehend ausschließen. Die erste größere ist das CALERIE-Projekt von Eric Ravussin, Professor am Pennington Biomedical Research Center in Louisiana. Bei 48 Teilnehmern fand er nach sechs Monaten Kalorienrestriktion ähnliche Veränderungen im Blut wie in den Beobachtungsstudien. Derzeit läuft eine zweijährige Folgestudie mit 225 Teilnehmern.Abgesehen davon, dass eine dauerhafte Kalorienrestriktion viel Disziplin erfordert, kann sie auch gesundheitliche Nachteile haben. So weiß man, dass bei einer stark kalorienreduzierten Diät die Knochenmasse abnimmt und die Muskelkraft nachlässt. Auch das Risiko einer Magersucht darf man nicht ausschließen. "Bis jetzt ist Anti-Aging noch ein Traum", sagt Thomas Lüscher von der Uniklinik Zürich: "Bis wir wirklich wissen, wie wir das Altern am besten aufhalten können, kann man nur wieder zu einem gesunden Lebensstil raten. Etwas weniger zu essen, kann vielen nicht schaden – aber übertreiben muss man es nicht."
Dr. med. Felicitas Witte ist Ärztin und Journalistin, sie lebt in Basel.
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80 Meinungen zu "Weniger essen - länger leben?"
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sabberwocky
Donnerstag, 11.10.2012, 09:25 Uhr Was nützt mir ein langes Leben, wenn ich nichts draus mache ? Eine Garantie für langes Leben( nach der sich diese Leute zu sehnen scheinen) gibts zum Glück noch nicht! -
Winterwinds16
Samstag, 28.07.2012, 17:58 Uhr Ein Vortrag einer Homöopathin besagte anderes: die vielfältigen Giftstoffe, die wir unserer Lebenszeit zu uns nehmen, werden vielfach ausgeschieden, aber auch im Körper abgelagert. Sie machte dann eine lange Aufzählung, kam letztlich zum Ergebnis: bevorzugter Ort der Ablagerung im menschlichen Körper ist das Fettgewebe, und da liegen die meisten Giftstoffe weitestgehend ungefährlich für den Organismus. Bei deutlicher Gewichtsabnahme finden Großteile dieser ehedem sicher abgelagerten Giftstoffe einen neuen Lagerort im Rückenmark - also in den Nervenbahnen, es wird damit gefährlich für den Organismus. Also sie sagte dann noch einiges über die Blut-Hirn-Schranke, aber da müsste ich dann wirklich nachdenken. Oder gar nachschlagen. -
drostone
Dienstag, 12.06.2012, 09:57 Uhr wenn ich frei habe nehme ich oft meine erste mahlzeit nach 17.00 ein. ich fühle mich in diesen phasen wacher, unternehmenslustiger und im positven sinne hungriger auf alles. der zeitweilige verzicht beschert mir dann gesteigerte freude beim kochen und essen. ich denke, dass heute allgemein ein zu viel eher das problem ist als ein zu wenig.
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