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13.06.2012, 16:00 Uhr

Der gelbe Feind im Garten

Sie waren selten und sind heutzutage aus dem Verkehr gezogen: die 500 DM-​Scheine. Kaum jemand wird sich noch daran erinnern, dass der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian mit diesem rosaroten Schein gedacht wurde, nicht nur mit ihrem Porträt, sondern auch mit einer Pflanze, die ordnungsliebende Gartenbesitzer zur Verzweiflung treiben kann. Die Blätter des Löwenzahns zierten den Geldschein -​ und stören das ästhetische Empfinden von Rasenfans.

Rasenmähen hilft kaum

Sie sollen weg, das beruhigende Grün nicht stören, sagen viel Gartenfreunde. Doch sie sind überaus hartnäckig: Regelmäßiges Rasenmähen hilft kaum. Im Gegenteil: Es scheint das Wachstum der goldgelben Blumen sogar noch zu fördern. Das liegt vor allem an den bis zu zwei Meter langen Wurzeln, die wie ein am Ende ausfransender Pfahl in den Boden wachsen. Säbelt der Rasenmäher Blütenkopf und Blätter ab, so regeneriert sich die Pflanze leicht aus der überlangen Wurzel heraus. Auf diese Weise genießt der Löwenzahn durch das Mähen letztlich sogar einen Standortvorteil gegenüber seinen nicht so widerstandsfähigen Konkurrenten auf dem Rasen. Und nicht nur Widerstandskraft, sondern auch den Einfluss der Umwelt auf die gesamte Erscheinungsform der Pflanzen können Rasenbesitzer an diesem Korbblütler beobachten: Charles Darwin hatte in seiner Evolutionstheorie hervorgehoben, dass die Merkmale eines Individuums nicht nur durch ihr vererbtes Genom bestimmt wird, sondern auch von den Umwelteinflüssen, denen das Individuum ausgesetzt wird. Darwin nannte dieses Phänomen "Modifikation".

Viel Licht zum Wachsen

Auch im Garten kann man Modifikationen beobachten: Werden die Blüten des Löwenzahns häufig abgemäht, so wächst die Pflanze nicht mehr so stark in die Höhe, sondern blüht bereits wenige Zentimeter über dem Erdboden. Ihr Stiel bleibt dann kürzer. Eifriges Rasenmähen stört die Pflanze also relativ wenig -​ im Gegenteil: Ein emsiger Gärtner, der den Rasen kurz hält, schafft sogar ideale Wachstumsbedingungen für die Pflanze. Denn sie braucht viel Licht zum Wachsen -​ und spendet das kurze Gras nur wenig Schatten, so kann mehr Licht zum Löwenzahn vordringen. Ohne dass der es vermutlich möchte, hilft auch ein zweites Lieblingsmittel des Rasengärtners seinem gelbblühenden Feind: Stickstoff, der in jedem gängigen Rasendünger, aber auch in Gülle und Mist enthalten ist, lässt den Löwenzahn besonders üppig gedeihen. Der Korbblütler gilt deshalb auch als sogenannte Zeigerpflanze dafür, ob ein Boden viel Stickstoff enthält, beziehungsweise ob Äcker überdüngt wurden oder ob an einem Standort in einer Siedlung früher einmal eine (stets stickstoffreiche) Abortgrube war.

Speichert Wasser im Boden

Landen die Samen auf einem Boden, etwa einer kargen Felsspalte, so können sie dort bis zu zehn Jahre überdauern -​ und bleiben dennoch keimfähig. Einzige Bedingung: Sie müssen mit etwa zwei Zentimeter Erde bedeckt sein, um zum Pflänzchen zu wachsen. Natürlich ist das keine gute Nachricht für Löwenzahnfeinde. Doch vielleicht können sie ihre Aversion ein wenig abbauen, wenn sie bedenken, dass das dichte Wurzelwerk -​ dass natürlich den schönen grünen Rasen stört -​ in gewisser Weise für den Boden und alle Pflanzen darauf gut ist: Sie halten das Wasser in den oberen Schichten, was schließlich auch für Gras wichtig ist. Ihre Blüten, die wegen der starken Überdüngung auf immer mehr Wiesen wachsen, sind zudem gut für Bienen: die Honigproduzenten und Bestäuber können auf ihren weiten Sammelflügen an den gelben Blüten Energie tanken. Wer den Pflanzen dennoch das Schicksal der 500-​DM-​Banknote wünscht, kann sich mit manchen Verfechtern der biologischen Vielfalt zusammentun. Denn da der Löwenzahn zäh und robust ist, verdrängt er gerade auf schwierigeren, mageren Böden viele Wiesenblumen und Gräser. Seine Überlebenstaktiken sind zu erfolgreich.

© Axel Springer AG

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