Schirrmacher: Ökonomie hat die Seele vereinnahmt
"Wir sind in einen Zustand der permanenten Instabilität eingetreten", sagt der Bestseller-Autor und Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im "Spiegel"-Interview.
Schirrmachers neues Buch "Ego - das Spiel des Lebens", eine scharfe Abrechnung mit dem modernen Kapitalismus, kommt in der kommenden Woche in die Läden. Die neue Ökonomie bewerte Gefühle, Vertrauen und soziale Kontakte genauso wie Aktien oder Waren, kritisiert er zugleich in einem vom "Spiegel" abgedruckten Essay. Der Informationskapitalismus wolle Gedanken lesen, kontrollieren und verkaufen.
So werde das soziale Leben immer zu Geschäft und Auktion, "einer Welt der Ich-Vermarktung, die glasklaren ökonomischen Regeln folgt". Die Entfesselung der Ökonomie sei eine Folge des Kalten Kriegs mit dem Zusammenbruch des Kommunismus. Dies habe die soziale Marktwirtschaft unter Druck gesetzt und die neoliberale Ideologie mit der Privatisierung von Gewinnen und der Vergesellschaftung von Schulden erst möglich gemacht.
Die Staaten sind nach Ansicht Schirrmachers in der Sackgasse: Die "marktkonforme Demokratie" habe auf die aktuellen Krisen keine rationalen Antworten mehr. Die Politiker drehten sich im Kreis und legten sich wie in einem Käfig nur noch auf eine Rationalität fest ("Scheitert der Euro, scheitert Europa"). Es fehlten die Antworten, wie der neue Informationskapitalismus gebändigt werden könne. Zugleich habe es die neue Ökonomie geschafft, die Verantwortung für die Widersprüche des Systems auf das Ich des Einzelnen abzuwälzen.
Doch es gibt bereits Widerspruch zu Schirrmachers Thesen: Der moderne "homo oeconomicus" sei ein Popanz, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk im neuen "Focus". Die Zeit gehöre längst wieder dem Nachdenken über Eigenschaften wie Empathie, Kooperation, Generösität und andere Bürgertugenden. Richard David Precht sieht zwar auch derzeit eine Radikalisierung der Arbeitswelt mit immer höheren Belastungen. Es gebe aber eine starke Gegenbewegung. "Für viele ist es zum Lebensideal geworden, Zeit zu haben, mit den Kindern zu spielen, mit Freunden Kaffee zu trinken", sagt der TV-Philosoph und Bestsellerautor ebenfalls im "Focus".
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