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31.05.2012, 11:17 Uhr

Landesküchen im Portrait: Äthiopien

Hühnerfüße, dicke Maden oder Affenfleisch: Klischees machen auch vor Landesküchen nicht halt. So haben die meisten Menschen hierzulande beim Gedanken an die afrikanische Küche viele Vorbehalte. Dabei lassen sich die vielfältigen Speisen des Kontinents unmöglich unter einem Überbegriff "Afrikanische Küche" zusammenfassen. Vor allem die Kochkunst Äthiopiens unterscheidet sich enorm von den übrigen Nationalküchen Afrikas. Kulinarische Ähnlichkeiten gibt es nur mit dem direkten Nachbarn Eritrea, der früher zu Äthiopien gehörte und erst 1993 zum unabhängigen Staat erklärt wurde.

VonGMX Redakteurin Julia Wolfer

Um was man in der äthiopischen Küche auf keinen Fall herumkommt, ist das säuerliche Fladenbrot Injera, das zu nahezu jedem Gericht gegessen wird. "Injera ist wohl bei den meisten "ferenjis" (Fremden/Europäern) keine Liebe auf den ersten Blick", erzählt uns Eberhard Weisser (58), der seit einigen Jahren in Addis Abeba lebt und arbeitet. "Das liegt zum einen an der Optik, zum anderen auch am säuerlichen Geschmack. Aber inzwischen mag ich es ganz gerne." Dabei ist das aus dem einheimischen Getreide Tef hergestellte Brot nicht nur Beilage, sondern dient auch als Teller und Besteck. Meist werden dazu Soßen (Wot) gegessen, die es in zahlreichen fleischhaltigen und vegetarischen Ausführungen gibt. Zwei Varianten seien dabei besonders typisch für die äthiopische Küche, erklärt uns der Koch und Inhaber des äthiopischen Restaurants "Blue Nile" in München, Diniam Behailu (41): "Injera mit Hühnerkeulen ist eines davon. Das darf bei keinem festlichen Anlass fehlen und entspricht etwa dem deutschen Schweinebraten mit Knödeln." Das zweite Nationalgericht ist Shiro Wot, ein vegetarischer Brei aus gemahlenen Kichererbsen.

"Diese Schärfe verträgt kein Europäer"

Im Vergleich zu anderen Nationalküchen ist die äthiopische recht vegetarierfreundlich. Im fruchtbaren tropischen Hochland wachsen viele Gemüsearten wie Okra, Bohnen, Linsen, Kichererbsen, verschiedene Kohlsorten oder Kartoffeln. Doch egal ob Gemüse oder Fleisch: Das typische Aroma bekommen die Gerichte durch spezielle Gewürze. Eine besondere Rolle spielt dabei Berbere, eine teuflisch scharfe Gewürzmischung auf Peperoni-Basis. Berbere ist in beinahe jedem Gericht enthalten und der Grund dafür, warum die äthiopische Küche besonders scharf und würzig ist. "Würden wir unsere Gerichte im Restaurant genauso scharf würzen wie in Äthiopien, hätten all unsere Gäste anschließend Bauchschmerzen. Diese Schärfe verträgt kein Europäer", erklärt Behailu.

Äthiopisches Getreide Tef

Koch Diniam Behailu im Interview über die Landesküche Äthiopiens. >

Auch am nächsten Tag hat man noch etwas von den Gewürzen, denn die Hände duften noch Stunden später nach ihnen. Serviert werden die auf Injera-Fladen angerichteten Speisen traditonell in einem großen Korb, aus dem alle Gäste gemeinsam mit den Fingern essen. Als besonders höflich gilt es, wenn der Gastgeber seinen Gast mit dem ersten Bissen füttert. Die Tischsitten mögen Europäern zunächst etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen, doch Diniam Behailu ist sich sicher, dass gerade die intime Atmosphäre beim äthiopischen Mahl den Reiz für seine Gäste ausmacht: "Der ganze Tisch isst aus einem Korb, und das mit der Hand. Wenn man sich nicht mag, ist das undenkbar."

Äthiopien – Wiege des Kaffees

Traditionell steht bei festlichen Anlässen weniger das Essen als die Gemeinschaft im Vordergrund. Während in anderen Kulturen an Festtagen zahlreiche Gänge und opulente Menüs aufgetischt werden, gibt es in Äthiopien meist nur ein einfaches Gericht. Der täglichen Kaffee-Zubereitung wird hingegen sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Kein Wunder, denn Äthiopien gilt als Wiege des koffeinhaltigen Getränks. Ursprungsregion der Kaffeepflanze soll die namensgebende Region Kaffa im Südwesten Äthiopiens sein. Seit über 500 Jahren wird in Äthiopien Kaffee zubereitet und ist seither fester Bestandteil des dortigen Alltags. "Als Gast kann man sich dem gar nicht entziehen und so wurde auch ich als bis dahin lebenslänglicher Nicht-Kaffeetrinker zum regelrechten Kaffee-Fan umerzogen", erzählt Eberhard Weisser.

Die Zubereitung gleicht einer spirituellen Zeremonie: Täglich wird der Kaffee frisch geröstet, gemahlen und anschließend in der speziellen Tonkanne Jabana aufgebrüht. Das Heißgetränk wird mit reichlich Zucker gesüßt und mit Popcorn serviert. Was außerdem auf keinen Fall fehlen darf, ist Weihrauch. Er verleiht die nötige zeremonielle Atmosphäre. Das Kaffeeritual besteht aus drei Gängen, in denen immer wieder heißes Wasser nachgegossen wird. So dauert eine Kaffeezeremonie mit Familie, Freunden und Nachbarn schon mal mehrere Stunden.

Neben Kaffee gehören das Hirsebier Talla und der Honigwein Tej zu den Nationalgetränken Äthiopiens. Ausgeschenkt werden die beiden Getränke jedoch in unterschiedlichen "Kneipen", denn das deutlich hochwertigere Tej unter einem Dacht mit Talla herzustellen und zu verkaufen, ist für Äthiopier undenkbar. Wer es sich also leisten kann, besucht die deutlich exklusiveren Tej-Häuser. Traditionell wird der edle Honigwein von Frauen hergestellt, häufig auch für den Eigenbedarf. In privatem Rahmen trinken auch Frauen Tej, der Besuch von "Kneipen" ist allerdings nur Männern vorbehalten.

Wer sich so bald keine teure Fernreise in ein exotisches Land leisten kann, sollte also einmal ein äthiopisches Restaurant ausprobieren. Durch die vielen Gewürze, die intimen Tischsitten und die familiäre Atmosphäre genießt man das Essen mit allen Sinnen und taucht in eine ferne Kultur ein – zumindest für einen Abend.

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7 Meinungen zu ""Zu scharf für Europäer""

  • mangostanne
    Freitag, 01.06.2012, 15:40 Uhr
    Deswegen ja auch meine Schlussfolgerung, dass die Köche dort die Schärfetoleranz von uns Europäern offenbar massiv unterschätzen. Offenbar muss ich einmal ein anderes äthiopisches Restaurant ausprobieren, vielleicht kommt dann ja noch das Aha-Erlebnis... ******* war schon bei mehreren äthopiern/eritreianischen (??) restaurants... scharf war da nur ausnahmsweise mal was, und das nur relativ dezent wenn man gerne mal auch schärfer isst. ich denke, die lassen die schärfe dann einfach generell weg, weil man eben inzwischen auch keine schärfe bei dem essen erwartet - im gegensatz zu thai essen oder so. aber es gibt auch einige indische/thai-köche und restaurantes, die generell erstmal NICHT scharf servieren- nur auf nachfrage. generell aber sehr lecker. besonders spaßig wenn man mit mehreren unterwegs ist, selten ein so kommunikatives fröhliches essen gehabt wie bei unserem stamm-äthopier :) ist das eine neue serie? freue mich auf fortsetzung... und ich hoffe, dass neben den ostafrikanern auch bald ganz viele westafrikanische restaurants aufmachen!!! ich will fufu!!!
  • grond
    Donnerstag, 31.05.2012, 14:56 Uhr
    @Sternenhimmel84: Kleiner Nachtrag: ich bin in Deutschland durchaus schon an meine Schärfegrenzen gestoßen. Bei meinem Lieblingsinder ein Vindaloo bestellen und besagte Bemerkung "ich kann einiges an Schärfe vertragen" => wow, Grenzerfahrung... :)
  • grond
    Donnerstag, 31.05.2012, 14:54 Uhr
    @Sternenhimmel84: Ja, das habe ich gelesen. Das Essen war aber überhaupt nicht besonders würzig. Also nicht einmal ansatzweise. Es war eher fad. Ich war zweimal in dem Restaurant, jeweils mit Freunden. Hätte man mich nach äthiopischer Küche gefragt, wäre mir niemals eingefallen, sie als "scharf" zu bezeichnen, wie es dem europäischen Restaurantbesucher bei "indisch" und "thailändisch" sofort einfallen würde. Deswegen ja auch meine Schlussfolgerung, dass die Köche dort die Schärfetoleranz von uns Europäern offenbar massiv unterschätzen. Offenbar muss ich einmal ein anderes äthiopisches Restaurant ausprobieren, vielleicht kommt dann ja noch das Aha-Erlebnis...
  • Sternenhimmel84
    Donnerstag, 31.05.2012, 14:06 Uhr
    @grond: Deswegen steht in dem Text ja auch "Würden wir unsere Gerichte im Restaurant genauso scharf würzen wie in Äthiopien, hätten all unsere Gäste anschließend Bauchschmerzen. Diese Schärfe verträgt kein Europäer". Es IST also nicht so scharf gewürzt wie in Äthiopien, weil VIELE das eben nicht vertragen. Ich selbst kann auch scharf essen und bin hier in Deutschland noch nie an meine Grenzen gestoßen worden. In anderen Teilen dieser Welt widerrum schon.
  • Wurzelpfrupf
    Donnerstag, 31.05.2012, 13:26 Uhr
    Also Affenfleisch würde ich nicht so gerne essen, da käme ich mir in Deutschland wie ein Kanibale vor...
  • Schildbuerger1975
    Donnerstag, 31.05.2012, 13:21 Uhr
    Was für ein Quatsch..das mit dem Kaffee. Ich war letzten Jahr auf längerer Rundreise in diesem schönen Land, aber der Kaffe ist wirklich nicht mit dem Europäischen zu vergleichen. Der ist für den gewohnten Europäer fast ungenießbar. Wie heißt es deshalb so schön: die Wiege des Kaffe ist Äthiopien, aber genießbar wurde er erst bei den Arabern.
  • grond
    Donnerstag, 31.05.2012, 13:04 Uhr
    Zu scharf für Europäer? Also ich war schon im "Blue Nile" in München und fand das Essen eigentlich hauptsächlich fad. Vielleicht sollten die die europäische Schärfetoleranz nicht gar so unterschätzen? Bei meinem Lieblingsinder weiß man jedenfalls, bis wohin sie gehen können, wenn ich anmerke, dass ich "schon etwas aushalte"...
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