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30.01.2012, 11:11 Uhr

Boreout - Wenn Langeweile krank macht

Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Burnout ist die Krankheit der Leistungsträger. Das Thema ist in aller Munde. Weniger prominent ist das Kontrast-Phänomen: das Boreout-Syndrom. Boreout kommt von boredom, zu Deutsch Langeweile. Mit Faulheit hat das nichts zu tun - im Gegenteil.

E-Mails sortieren, Aktenstapel von rechts nach links räumen, wahllos in Dokumenten herumtippen - Geschäftigkeit vorzutäuschen, ist harte Arbeit. So hart, dass sie auslaugen kann. Im schlimmsten Fall bis zum Boreout, dem Syndrom der Unterforderten. "Unsere Gesellschaft ist gewissermaßen geteilt: Burnout haben die Erfolgreichen. Die bekommen das ganze Interesse", sagt der Psychotherapeut Wolfgang Merkle aus Frankfurt. "Menschen mit Boreout werden weniger beachtet, obwohl sie fast die gleichen Symptome haben."

Boreout kann sich laut Merkle durch Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder die Unfähigkeit, das Leben zu genießen, bemerkbar machen. "Das ist oft zuerst so ein dumpfes Empfinden im Hintergrund, dass irgendetwas falsch läuft", erläutert er. Auch unter körperlichen Symptomen könnten Betroffene leiden, zum Beispiel Magenbeschwerden, Schwindel, Tinnitus oder Kopfschmerzen. Der Unterschied zum Burnout sei, dass die Erschöpfung durch den Stress der Unterforderung, nicht der Überforderung verursacht wird.

Zu wenig Stress ist auch nicht gut

Unterstress entstehe durch zu wenige und falsche Aufgaben. Diese Fehlbelastung veranschaulicht Merkle so: "Das ist, als müsste ein sehr guter Schachspieler immer nur Mühle und Dame spielen." Die Diskrepanz zwischen dem, was man kann, und dem, was abgefragt wird, ergibt in Kombination mit fehlender Anerkennung puren Stress.

Als Beispiel für einen Boreout-Fall schildert der Schweizer Unternehmensberater und Buchautor Peter Werder eine typische Erlebniskette: Ein Bewerber erwartet von seinem neuen Job aufgrund der Ausschreibung und des Bewerbungsgesprächs eine Position als Projektleiter mit internationaler Erfahrung. "Am Schreibtisch stellt sich aber heraus, dass Sie nicht die Projektleitung haben, sondern nur eine Unterabteilung leiten, und dass Sie auch nur manchmal ein bisschen Englisch sprechen müssen." Er ist quantitativ und qualitativ unterfordert. Am Anfang ist das nicht schlecht, die freie Zeit bei der Arbeit genießt er sogar und gewöhnt sich daran. "Aber man ist eben unterfordert. Und die eigentliche Schwierigkeit ist, zu realisieren, dass das der Grund ist, warum man am Abend müde ist."

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Auch ein Arbeitnehmer, der immer nur Teilaufgaben erledigen muss, könne an Boreout erkranken, ergänzt Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Denn aus psychologischer Sicht sei es langfristig wichtig, auch mal Erfolgserlebnisse zu haben und Dinge abzuschließen.

Qualitative und quantitative Unterforderung gehen laut Werder miteinander einher. "Ohne eine quantitative Unterforderung müsste man ja schließlich keine Verhaltensstrategien anwenden." Und die gehören zum Boreout dazu. Mit Verhaltensstrategien meint er den Aktionismus der Betroffenen, der das Nichtstun kaschieren soll. Eine davon sei paradoxerweise die Burnout-Strategie, bei der Boreout-Geplagte ihr Problem gewissermaßen ins Gegenteil umkehren und von früh bis spät im Büro sind, um Überlastung zu simulieren. Es stimmt daher nicht, dass Betroffene einfach nur faul sind. "Absoluter Blödsinn", sagt Werder zu solchen Vorwürfen. "Wer Boreout hat, will ja arbeiten und leidet darunter, dass er es nicht kann." Laut Merkle trifft es daher in der Regel sogar eher die Leistungsbereiten.

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Bemerken Arbeitnehmer, dass ihr Büroalltag in diese Richtung driftet, sollten sie möglichst früh das Zepter in die Hand nehmen, rät Merkle. Eine Lösung könne Teilzeitarbeit sein, ergänzt Werder. Wer sich unterfordert fühlt, sollte den Chef darauf ansprechen, dass die eigene Stelle eigentlich keine volle, sondern nur eine 80-Prozent-Stelle ist. "Das kann durchaus eine Lösung sein." Zwar gibt es dann weniger Geld, aber im Büro ist man ausgelastet, und die freie Zeit kann man woanders sinnvoller verstreichen lassen.

Ist die Erschöpfungsdepression schon eingetreten, sollten Betroffene die Symptome ihrem Hausarzt schildern, rät Merkle. Der schicke ihn wahrscheinlich zu einem Facharzt für psychosomatische Medizin. "Das kann mit ein bis zwei Gesprächen pro Woche schon geklärt werden." In einigen Fällen könne aber auch der beste Therapeut nichts mehr retten: "Manchmal hilft nur die Kündigung."

Burnout öfter erkannt als Boreout

Burnout wird etwa dreimal so oft diagnostiziert wie Boreout. Das könne aber auch daran liegen, dass sich Boreout-Betroffene zuerst oft nicht trauen, Hilfe zu suchen, sagt Psychotherapeut Wolfgang Merkle. "Es ist einfacher, zu sagen 'Ich bin überfordert' als 'Ich habe nichts zu tun'." Buchautor Peter Werder geht sogar davon aus, dass die Häufigkeit der beiden Phänomene vergleichbar ist. "Aber Boreout ist eben viel weniger erforscht."

Literatur:

Rothlin, Philippe/Werder, Peter: Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht, Redline Wirtschaftsverlag, 2007, 17,90 Euro, ISBN-13: 978-3636014627

Brinkmann, Ralf/Stapf, Kurt: Innere Kündigung: Wenn der Job zur Fassade wird, Beck, 2005, 6,95 Euro, ISBN-13: 978-3406528156

Burnout äußert sich unterschiedlich

Ändert ein Mitarbeiter sein Verhalten im Job, kann das ein erstes Anzeichen für Burnout sein. Kollegen sollten darauf achten, ob jemand häufiger am Arbeitsplatz weint, gereizt oder teilnahmslos ist. >

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51 Meinungen zu "Boreout: Krank durch Nichtstun"

  • twocents
    Samstag, 03.03.2012, 16:25 Uhr
    Gibt es also tatsächlich hierzulande noch Leute, die nichts zu tun haben? Sollte ja durch die Globalisierung kein Thema mehr sein. Armselig aber, wenn man sich dann nicht zu beschäftigen weiß, das Internet bietet doch so viele Möglichkeiten.
  • MaddyMo
    Freitag, 02.03.2012, 16:23 Uhr
    @Kullerbauch: super Kommentar! @pot1: mein Gott, wie mir dieses Klischeegeseiere auf den Senkel geht! Informier dich erstmal besser, bevor du hier irgendwelche Scheißhausparolen von dir gibst!
  • Kullerbauch
    Freitag, 02.03.2012, 15:49 Uhr
    Na, die Eltern und Grpßeltern im Nachkriegsdeutschland hatten etwas, was wir nicht haben - eine Vision, auch wenn sie es vielleicht nicht so genannt haben. Unsereiner kriegt mit Arbeit, die quantitativ zu viel ist, um sie zu schaffen, qualitativ aber den letzten Nerv raubt (z.B. Quartalsabrechnungen, frage Sie Ihren Arzt!) trotz Hochschulstudium kaum seine Familie durch, weil einem die Behörden das Geld aus der Tasche ziehen, z.B. durch deren Versäumnisse steuerliche Mehraufwändungen entstehen und dann auch noch Gebühren erhoben werden und Klagen auch nur kosten - als Bürger hat man eben nicht die Mittel und erfahrungen wie ein professioneller gegener - warum ist eine Behörde eigentlich gegen mich? Und da soll kein Sozialneid auf Wulff & Co. aufkommen? Gebt mir 200 000 (nur einmal, muss gar nicht jährlich sein!) und ich halte meine Klappe, da kommt nix mehr out und ich genieße mein Leben! Nach 1945 ging es den Menschen bestimmt materiell schlechter, aber die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft war da, genau wie später dann 1989 und was haben wir jetzt? Eine Bürokratur - auch Beamte kann ich nicht beneiden, es wäre krankmachend, so zu tun, als wäre alles in Ordnung!
  • MaddyMo
    Freitag, 02.03.2012, 15:45 Uhr
    Wie auch immer man das Kind beim Namen nennen will, das Problem in unserer heutigen Gesellschaft ist akut vorhanden! Dass unsere Eltern und Großeltern damit nichts anfangen können, ist klar. Die hatten eine GANZ andere Ausgangspositionen. In den Nachkriegszeiten z.B. ging es ums nackte Überleben!!!! Deshalb ist das mit unserer heutigen Situation mal so überhaupt nicht zu vergleichen!!! Leider haben wir aber in unserer vernunftverseuchten Gesellschaft immer noch nicht kapiert, dass eine Kategorisierung von Zuständen nach dem schulmedizinischen/ naturwissenschaftlichen Prinzip die Sache nicht besser macht!! Burnout, Boreout, Depression...bababa... WAS das alles gemeinsam hat, ist, dass es sich um einen emotional-psychischen Zustand handelt und dass etwas dagegen getan werden muss!
  • benutzer
    Dienstag, 31.01.2012, 12:08 Uhr
    unsere eltern und großeltern, die dieses land nach dem krieg aus schutt und asche wieder aufgebaut haben, drehen sich im grab um, wenn sie diesen quark von bore- und burnout lesen müssten. hätten sie sich auch auf diese kunstvollen "krankheits"bilder berufen, wir würden heute noch auf den schutthaufen sitzen.
  • DJridoo
    Dienstag, 31.01.2012, 07:44 Uhr
    Zuviel Psychokram ist auch nicht gut. Vielleicht sollten wir uns nicht ständig krank reden lassen! Couch-potatoing mit ruhigem Gewissen macht fit und die Pharmakonzerne arm
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