Der neueste Skandal um Wiesenhof-Hühner legt nahe: Tierquälerei hat in der Geflügelindustrie System. Einer, der die Auswüchse dieses Systems unzählige Male mit eigenen Augen gesehen hat, ist sicher: Auch in Biobetrieben ist es mit dem Tierschutz nicht weit her.

Es ist ein Bild des Grauens, das sich den Aktivisten der Soko Tierschutz in zwei bayerischen Geflügelmastbetrieben bietet: Tote Küken im Stall, lebende Hühner im Müllcontainer. Irgendetwas läuft hier ziemlich schief.

Dabei sind die Betriebe in Altötting und in Velden doch Zulieferer für Wiesenhof. Der Geflügelproduzent, der zur PHW-Gruppe gehört, garantiert mit der Premium-Produktlinie "Privathof" das Wohl der Tiere und sieht dafür auch saftige Preisaufschläge gerechtfertigt. Für den Verbraucher dürfte nach dem jüngsten Skandal allerdings eines klar sein: Auf Gütesiegel und Biozeichen kann man sich nicht blind verlassen.

Mehr Tierwohl? Höchstens mehr Umsatz

Indessen versucht Wiesenhof, Schadensbegrenzung zu betreiben. Den Umgang mit Skandalen ist man dort schließlich gewohnt. Schon 2010 kritisierten Tierschützer die Haltungsbedingungen der Tiere für Wiesenhof-Produkte. Das ARD-Magazin Report Mainz untermauerte die Vorwürfe und zeigte die grausamen Details.

Das Unternehmen reagiert 2011 mit der Einführung von "Privathof", eine Produktlinie, die artgerechte Tierhaltung per Gütesiegel garantiert. Für Wiesenhof ein großartiger Umsatztreiber: Einen Anstieg auf 1,33 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2011/2012 erklärt das Unternehmen laut Pressemitteilung unter anderem mit der "starken Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Geflügelfleisch". Seit Januar 2013 darf das "Privathof"-Geflügel sogar das Einstiegslabel des Deutschen Tierschutzbundes tragen. Schön wäre es da, wenn Wiesenhof dieses Versprechen von Qualität nicht nur auf seine Produkte drucken, sondern auch einhalten würde.

Doch dies ist Fiktion statt Fakt, Farce statt Fortschritt. Das zeigen die neuesten Aufnahmen der Sonderkommission Tierschutz in erschreckender Deutlichkeit.

Huhn: Hühner - hier in einem Geflügelmastbetrieb für die Produktlinie Privathof von Wiesenhof - können ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen.

Inzwischen hat auch Wiesenhof die Vorwürfe der Tierquälerei auf dem Hof in Altötting bestätigt. Das Unternehmen hat den Vertrag mit dem bayerischen Betrieb gekündigt und Strafanzeige gestellt. Wenn für Wiesenhof alles gut geht, hat man es wohl ein weiteres Mal geschafft, langfristige Konsequenzen abzuwenden und darf weiter auf dicke Umsätze hoffen.

(Schon wieder) nur eine Ausnahme?

Die Soko Tierschutz hat derweil weitere Fälle aufgedeckt, die eine systematische Quälerei in Tiermastbetrieben, vor allem bei Geflügel, nahelegen. Für Friedrich Mülln, Vorsitzender der Soko Tierschutz, die den jüngsten Skandal um Wiesenhof aufdeckte, hat Tierquälerei in der Hühnermast System: "Die Geflügelindustrie sagt immer, es seien Ausnahmen. Unsere 20-jährige Erfahrung in Tierschutzrecherchen zeigt genau das Gegenteil: Tierquälerei ist der Alltag. Nicht nur in konventionellen Betrieben, sondern auch in Biobetrieben."

Das ist auch die Ansicht von Gerald Wehde, Pressesprecher beim Anbauverband Bioland: "Die Industrialisierung der Geflügelmast ist auch im Biobereich weit fortgeschritten." Solche Großstrukturen brächten eine Verrohung mit sich. Einen Ausweg stelle dagegen der selbstständige, bäuerliche Betrieb dar, der den Bezug zu den Tieren beibehalten habe.

Unabhängig davon arbeiten aber sowohl konventionelle als auch Biobetriebe mit heillos überzüchteten Hühnern und Puten. Diese Hybridrassen setzen mehr Fleisch an, als ihr Knochenbau tragen kann. Aktivist Mülln hat es unzählige Male mit eigenen Augen gesehen: "Die Tiere brechen zusammen, sitzen in einer Art Spagat am Boden und verdursten, weil sie nicht mehr an die Wasserspender kommen. Bei Puten ist es noch schlimmer."

Nach Ansicht von Mülln lassen sich Geflügelfleisch und Eier daher kaum noch mit gutem Gewissen genießen, der Verbraucher habe keine Wahl zwischen Ware aus guter oder schlechter Tierhaltung: "Tierquälerei gibt es überall."

Wehde von Bioland hält das für ein sehr komplexes Thema. "Auch das Management spielt eine große Rolle: Es gibt Bio-Bauern, die mit diesen Rassen eine vernünftige Haltung hinbekommen und es gibt welche, die schaffen es nicht." Das ist für den Verbraucher allerdings nicht ersichtlich. Laut Wehde könne man jedoch davon ausgehen: Biofleisch aus dem Supermarkt oder Discounter stamme aus großstrukturellen Betrieben. "Um das zu vermeiden, muss sich der Verbraucher auf die Suche begeben nach Betrieben, die er sich selbst anschauen kann. Das findet sich nicht im großen Handel."

Bei der Soko Tierschutz ist man drastischer: "Solange die Lebensdauer eines Huhns, das sechs Jahre alt werden könnte, in dieser Branche in Tagen angegeben wird, ist es mit dem Tierschutz nicht weit her."